Jennifer Rostock - Schlaflos

Jennifer Rostock- Schlaflos

Warner
VÖ: 17.01.2014

Unsere Bewertung: 3/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Verweist

Glücklicherweise geben Jennifer Rostock nicht das Geringste auf all die Dinge, die von außen an sie herangetragen werden. Recht machen könnten sie es ohnehin niemandem. Forderte Kollege Holtmann in seiner Rezension zu "Mit Haut und Haar" vorzugsweise durchaus gelungene Balladen, ruft der Schreiber dieser Zeilen wieder mehr zur schroffen Schreierei auf. Die steht der Stimme von Empfangsdame Jennifer Weist seit "Kopf oder Zahl" ehrlicherweise doch sowieso am besten. Und geradlinige Songs, direkt nach vorn, mit ein wenig Brüllerei wären möglicherweise gar nicht zu verachten. Allein es bleibt beim Konjunktiv, denn die Wahlberliner bedienen sich auf "Schlaflos" bei Indie-, HipHop- und Clubelementen, verpassen dabei aber Kohärenz und jedwede Sonderstellung.

Auf das Wortspiel "Ein Schmerz und eine Kehle" ist die Band dabei offensichtlich besonders stolz. Anders ist es nicht zu erklären, dass diese Zeile in der Vorabsingle gebetsmühlenartig gehaucht wird, während sich Frau Weist im zugehörigen Video merkwürdig schlängelnd zum Beat bewegt und sich als Rapperin versucht. Der ermutigende Aufruf an die Abseitsstehenden der Zielgruppe unter 20 ist aller Ehren wert, nur zerstört das abschließende, pathosertränkte und synchrone Auf-die-linke-Brust-Schlagen endgültig jegliche Botschaft.

Dabei liefert "Zeitspiel" eine Vorlage, wie man den zweifellos vorhandenen Rotz in Weists Stimme besser in Szene setzen könnte. Ein etwas klareres Gitarrenriff zu Beginn und dann gleich mit Gebrüll ins schlagzeug-knüppelnde Tempo-Getümmel. Die ausnahmsweise erholsam kurz gehaltene Bridge nebst Geschwindigkeitsreduzierung bleibt so zu verschmerzen. Auch wenn dies freilich eine entschärfte Version einer Idee von Punk bleibt, ein Verzicht auf die zwanghafte Vorführung der vermeintlichen Facettenhaftigkeit der Bandleader-Stimme könnte wohltuende Konsequenz sein. Leider fällt schon "Phantombild" mit "Die Stadt zieht sich die Nacht an / Wie ein viel zu enges Kleid" in abermals Silbermond-schmachtende Sphären ab, aus denen sich "Schlaflos" nicht wieder richtig fängt. Da hilft es auch nicht, dass sich im angetäuscht musikgeschäftskritischen "K.B.A.G." die Rostock-Hintermänner mal zu Wort melden dürfen, ohne aber aus dem medial ausgeschlachteten großen Schatten ihrer Frontfrau zu treten. "Tauben aus Porzellan" ist dagegen als Poprock-Ballade mit anfänglichen Indie-Chören und raveartigem Zwischenteil harmonisch vergleichsweise gut ausgestattet, der Text kontert aber mit ärgerlichen Plattitüden von kurzwährenden Feuerwerken und funkensprühenden Oberleitungen.

Ihre bekannte Zuneigung zum Alkohol als festes Bandmitglied wird im odenhaften "Wenn der Wodka zweimal klingelt" als reinem Akustik-Gitarrentrack manifestiert: "Und je tiefer ich ins Glas schau / Desto höher schlägt mein Herz." Vielleicht schlägt sich dieser Genuss in Zukunft nicht nur auf das faustgroße Rote, sondern auch auf die Stimmbänder aus. Wenn dann raues Geschrei als Lösung übrig bleibt, ist es eventuell noch nicht zu spät für eine Stil(wieder)findung der Mittzwanziger - auch nach Album Nummer 4.

(Andreas Menzel)

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Highlights

  • Zeitspiel

Tracklist

  1. Zeitspiel
  2. Phantombild
  3. Du nimmst mir die Angst
  4. Bis hier und nicht weiter
  5. Ein Schmerz und eine Kehle
  6. K.B.A.G.
  7. Der blinde Passagier
  8. Echolot
  9. Wenn der Wodka zweimal klingelt
  10. Hollywood
  11. In den Sturm
  12. Tauben aus Porzellan
  13. Schlaflos

Gesamtspielzeit: 48:14 min.

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