Kirin J Callinan - Embracism

Kirin J Callinan- Embracism

Siberia / Terrible / XL / Beggars / Indigo
VÖ: 28.06.2013

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Männlein oder Weiblein?

Schon mal auf Kirin J Callinans Website gewesen? Wenn ja: Panik! Die Netzpräsenz überflutet einen nach dem ersten Klick mit einer Unmasse aufpoppender Browserfenster – zehn an der Zahl. Und als man gerade fieberhaft die Nummer des PC-Entseuchers sucht, wird allmählich klar, dass alles zumindest für das Gerät nur halb so schlimm ist. Denn bei genauem Hinsehen handelt es sich lediglich um Videoclips zu jedem Song vom "Embracism". Callinans Debüt jedoch erweist sich bald als noch gnadenloserer Schlag in die Magengrube, nach dem einige womöglich nicht mehr wissen, ob sie Männlein oder Weiblein sind. Der Künstler hat dieses Problem nicht: Der in New York ansässige Australier und Kumpel von Ariel Pink inszeniert sich stattdessen in freizüziger Pose inklusive rudimentärer Tätowierungen und macht gleich reihenweise großkarierte Ansagen.

Zum Beispiel, indem er seine Facebook-Seite mit dem gephotoshoppten Bild einer Pitchfork-Höchstwertung der Kategorie "Best new music" aufmacht. Natürlich alles erstunken und erlogen – und doch kommt es der Wahrheit sehr nahe. Nur: Was für eine Musik befindet sich auf seinem Debüt? Songwriter-Doom? Narzisstischer Industrial? Drama-Pop aus der Unterwelt? Kein Problem: Callinan kann das alles, wenn er zähnefletschende Electronics und rasende Drummachines auffährt, aber auch elegische Streichersätze und rabiate wie akustische Gitarren in Moll seufzen lässt. Und alles mit der mal gutturalen, mal schmeichelnden Gewalt seiner tiefen Stimme übergießt, die Zorn, Melancholie und selbstzerstörerische Neigungen problemlos in musikalischen Einklang bringt. Und wer sich dabei bloß eine blutige Nase holt, hat noch richtig Glück gehabt.

Anders als die beiden Jungs, die sich im Titelstück auf dem Schulhof ordentlich Saures geben. Einer davon stellt im Erwachsenenleben fest, wie man seinen Geschlechtsgenossen auch Süßes geben kann – und dass er dafür mehr Mumm braucht als den eines rauflustigen Dreikäsehochs. Dazu schiebt böse der Bass-Synthie vorwärts, während sich grelle Alarmsirenen und Callinans atemloses Skandieren bis aufs Messer bekämpfen. Danach zerlegt "Come on USA" den amerikanischen Traum mit einer Wucht, als würden sich Trent Reznor und Scott Walker gegenseitig die Pulsadern herausreißen und anschließend darauf Xylophon spielen. Da kann selbst Patrick Wolf nur konsterniert danebenstehen und in einem erhabenen Popsong für sich und "Victoria M." ein gemütliches Eigenheim hochziehen – die paar Seitensprünge unterschlagen wir mal.

Nein, zu spaßen ist mit Callinan mitnichten. Brichst Du ihm das Herz, bricht er Dir die Beine. Mindestens. Wenn auch im phänomenalen Song-Glühwürmchen "Scraps" auf folkig-zärtliche Weise und mit den Worten "Now you’re compacted with the scraps of my Nissan", auf dass sich Fleisch und Muskeln mit einer zusammengequetschten Karosserie in tödlicher Hochzeit unappetitlich vermählen. Harte Kost, an die der trunkene Akustik-Rocker "Chardonnay Jean" und der rohe Garage-Punk von "Love delay" nicht mehr ganz heranreichen. Großartige Songs eines außerordentlichen Meisterwerks sind es dennoch. Da kann der wohl nicht nur geistesverwandte Jamie Stewart von Xiu Xiu so viel Schokolade in sich reinstopfen, wie er will – ein Album von solcher Durchschlagskraft muss er einem erst noch vor die Füße spucken. "Embracism" haut den stärksten Mann um.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Embracism
  • Come on USA
  • Victoria M.
  • Scraps

Tracklist

  1. Halo
  2. Embracism
  3. Come on USA
  4. Victoria M.
  5. Scraps
  6. Chardonnay Sean
  7. Stretch it out
  8. Way II war
  9. Landslide
  10. Love delay

Gesamtspielzeit: 42:34 min.