Ascetic - Self initiation

Ascetic- Self initiation

Golden Antenna / Broken Silence
VÖ: 15.03.2013

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Genuss mit Reue

Keine Genussmittel. Schlafentzug. Verzicht auf Körperpflege. Sexuelle Enthaltsamkeit. Nein, gemeint ist nicht das interne Stahlbad für Redaktionsnovizen. Soweit erkennbar, sind alle Mitarbeiter von Plattentests.de aktuell nämlich kugelrund gefuttert, bestens ausgeruht, in Rosenwasser geläutert und auch sonst, äh zufrieden. Ein Asket, also jemand, der mittels beschriebener Maßnahmen in höhere Sphären von Erkenntnis und Bewusstseinserweiterung strebt, hat es da schon schwerer. Aber man muss es ja nicht übertreiben. Sagte sich auch Damian Coward, hauptberuflich Schlagzeuger der australischen Post-Rocker Heirs, und schloss sich Anfang 2012 seinen Landsleuten August Skipper und Saxon Jorgensen an. Denen war gerade der Drummer abhandengekommen, und fortan hieß das Trio Ascetic – es konnte los- beziehungsweise weitergehen.

Schnell wurden die Braunschweiger von Golden Antenna hellhörig, veröffentlichten "Self initiation" in Europa und bieten Ascetics Debüt in digitaler Form jetzt gar zum frei wählbaren Preis an – idealerweise kostenfrei. Empfohlen sei aber das Komplettpaket mit ansprechend aufgemachter CD oder goldfarbenem Vinyl, auf dem sich der Dreier aus Melbourne mit ausgesucht knorriger Post-Punk-Ästhetik selbst initiiert. Die Riffs wühlen düster, die Rhythmen poltern mit maschineller Präzision, die Stimme steigt schwermütig gurgelnd aus Hallabgründen empor. Darauf einen guten Schluck aus dem giftschrankpflichtigen Fläschchen, das Ascetic im Auftakt "Pharmacy" aufmachen. Und trotz des kickenden Stampfbeats stehen die Raucher hier nicht vor dem Krankenhaus wie noch bei Editors, sondern haben es wahrscheinlich bereits mit den Füßen voran verlassen.

Und es ist gerade diese Unerbittlichkeit, die den Hörer unweigerlich gefangennimmt, wenn Ascetic mit bohrender Konsequenz schwarz umwölkte Gemütszustände und letzte Dinge vor sich hertreiben. "We are not all dead" klingt höchstens auf den ersten Blick optimistisch, während ein brodelnder Basslauf aus der baufälligen Joy-Division-Baracke dröhnt und sich der Gesang im kehlig bellenden Refrain ständig selbst überschlägt – übrig bleiben jede Menge zuckende Leiber auf der duster bestrahlten Tanzfläche. "I burn", versichert Skippers echobeladenes Organ anschließend reuevoll in gnadenloser Selbstkasteiung – und wenn wenig später zu kalten Maschinenschlägen von "Religion" die Rede ist, erinnert das eher an verrottende Pestkreuze denn an gütige Himmelsmächte. Spätestens hier ist der Triumph der Finsternis endgültig.

Umso wichtiger, dass Ascetic schlau genug sind, vereinzelte Lichtblitze einzubauen, die Auswege aus den stockdunklen Songkratern weisen. Einen reizenden Glanzpunkt setzt etwa "Trankasham", das zu behutsamer Shoegaze-Schwermut die gleichen "Pictures of you" betrachtet wie einst The Cure auf "Disintegration" – auch wenn diese schließlich von giftigem sechssaitigem Efeu überwuchert werden. "Silver circle" geleitet in eine Welt voller Eisblumen, wie man sie vom britischen Duo Dragons und dessen Album "Here are the roses" kennt. Und wer mag, kann das Stakkato-Donnern in "Uroburos" auch als spirituelle Umdeutung von Portisheads "Machine gun" sehen, bei der die sich in den Schwanz beißende Schlange im Titel nicht zuletzt auch für Vollkommenheit steht. Askese? Vielleicht morgen – heute ist "Self initiation" nämlich ein viel zu delikates Genussmittel.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • We are not all dead
  • I burn
  • Trankasham

Tracklist

  1. Pharmacy
  2. We are not all dead
  3. I burn
  4. Religion
  5. Trankasham
  6. Before the storm
  7. Uroburos
  8. A day in the fields
  9. Silver circle

Gesamtspielzeit: 46:31 min.