Sido - 30-11-80

Sido- 30-11-80

Urban / Universal
VÖ: 29.11.2013

Unsere Bewertung: 4/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Sei ein Arschloch

Lass' mal mit den Formalitäten anfangen: Happy Birthday nachträglich, Herr Würdig. 33 isser nun schon der Junge mit der Schädelmaske, welcher nunmehr als unmaskierter, aber dafür vollbärtiger Mann medial allgegenwärtig ist. Früher schilderte der Rapper im "Arschficksong" noch überaus plakativ seine nicht so ganz astreinen sexuellen Vorlieben, heute geht das alles wesentlich gediegener zu. Aber auch besser? Naja. "Die linke Antithese zu Bushido" nennt "Die Welt" Sido heute. Lächerlicher könnte man das kaum formulieren. Tatsächlich ist es eben so, dass der Berliner die Polemik einfach mittlerweile Hohlbirnen-Bushido überlässt. Statt seine Intelligenz einzusetzen und auf "30-11-80" den ultimativen Diss zu formulieren, mimt Sido den (etwas überforderten) Menschenversteher, bemitleidet den dicken Jungen, der keine Freunde hat, durchschaut die Schwierigkeiten des Lehrerberufs und mahnt vor falschen Vorbildern.

"Ohne mich ist deutscher HipHop nur ein Kinderspielplatz", weiß der Rapper in "Hier bin ich wieder" zu vermelden. Oho... war das die schärfste Parole des Berliners? Welch ein Rohrkrepierer. Hoffentlich gerät das Neu-Sensibelchen nicht aus Versehen in ein Freestyle-Gefecht mit der K.I.Z.-Crew. Die würden ihm buchstäblich zeigen, wo der Hammer hängt. Zumindest in "Arbeit" offenbart sich Sidos Schmiss ein wenig, wobei die Lines von Comedy-Altmeister Helge Schneider federführend erscheinen. Schneiders Schaffen ist seit jeher streitbar; man kann ihn nicht einfach nur mögen oder nicht mögen, zu Helge braucht man eine Einstellung. Davon kann Softie-Sido heute nur noch träumen. "Hammerfettbombekrass" wirft Schneider ein, um schließlich zu erkennen "Arbeit ist ein schöner Beruf."

Im Anschluss erreicht die Platte mit "Einer dieser Steine" seinen Tiefpunkt. Der Song mit Mark Forster greift wie "Bunte Steine" vom absoluten Minusalbum 2013, "Mordsmusik" von Der Xer, metapherlastigst irdische Festkörper auf. Kitschalarm! "Maskerade" lässt Sidos Skills wieder etwas mehr erahnen, doch auch hier wird das ehemalige Mitglied der Sekte von seinen Featuregästen Genetikk und Marsimoto übertrumpft. Bezeichnend für jenes Schema ist die titelgebende Erstauskopplung "30-11-80". Für den Track versammelte Sido die Rapprominenz Deutschlands um sich: Von Smudo, über Moses Pelham und Eko Fresh, bis hin zu Afrob und Dr. Renz – alle sind sie dabei und Sidos Verse gehen fast ein wenig in der Masse unter. Dennoch, oder gerade deswegen, das stärkste Stück der Platte.

Es muss ja nicht immer schmutzig sein, damit es reizvoll wird, aber dann sollte es wenigstens anderweitig durchdacht sein und da scheitert Sido am eigenen Anspruch. Wenn der Studentenrapper dem Gangsterrapper gegenübersteht, dann hat Sido offenbar beim Pumpgun-Nachladen die Immatrikulationsunterlagen verlegt. Da wird der Stier in die Arena geführt und hat dann noch nicht mal Bock drauf, dem Torero seine Hörner in den Hintern zu bohren. Sido macht nun mal am meisten Spaß, wenn er irgendwelchen österreichischen Boulevard-Reportern eins auf die Fresse gibt. Er gibt selbst zu, dass er sich verändert hat: "Viele hätten gern den alten Sido zurück / Doch während sie das sagen, entfern' ich mich wieder ein Stück", lässt er in "Es war einmal" verlauten. Wir probieren es trotzdem: Mensch Herr Würdig, mach doch bitte einfach wieder, was Du am besten kannst und sei ein Arschloch.

(Pascal Bremmer)

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Highlights

  • Arbeit (feat. Helge Schneider)
  • 30-11-80

Tracklist

  1. Hier bin ich wieder
  2. Es war einmal
  3. So wie Du
  4. Papa, was machst Du da
  5. Irgendwo wartet Jemand feat. Mark Forster
  6. Enrico
  7. Einer muss es machen
  8. Arbeit (feat. Helge Schneider)
  9. Einer dieser Steine (feat. Mark Forster)
  10. Liebe
  11. Maskerade (feat. Genetikk, Marsimoto)
  12. Grenzenlos (feat. Marius Müller-Westernhagen)
  13. Fühl Dich frei
  14. 30-11-80

Gesamtspielzeit: 58:41 min.

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