Dear Reader - We followed every sound

Dear Reader- We followed every sound

City Slang / Universal
VÖ: 06.12.2013

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Filmreif

Eigentlich kennt man Cherilyn MacNeil gar nicht so. Nicht, dass die südafrikanische Sängerin, mittlerweile das einzige feste Mitglied und damit Kopf und Stimme hinter Dear Reader, eine gar geschwätzige Gesellin wäre, das nun auch nicht. Aber die Art und Weise, wie sie "We followed every sound" startet, überrascht dennoch. Verband sie auf dem 2012 erschienenen dritten Album "Rivonia" noch ihre eigentliche Heimat mit ihrem Wahlwohnort Berlin und erzählte darauf nicht nur ihre eigene Geschichte, sondern die ihrer Familie und ihres Volkes, gibt sie sich auf ihrem Live-Album, das sie gemeinsam mit dem Babelsberger Filmorchester eingespielt hat, eher schweigsam. Keine Begrüßung, keine Gespräche zwischendurch, kein einziges Wort ist ihr zu entlocken, außer ihrer Musik. Und wenn man ganz ehrlich ist, reicht das bei MacNeil wie immer aus.

Noch kraftvoller wirken ihre Texte vor dem beeindruckend monströsen Orchester, noch mehr dringen sie ins Gehör ein, noch stärker sind die Emotionen, die sie verursachen. Wirkliche Ablenkung gibt es nicht: Nur ein einziges Mal bemerkt man auf "We followed every sound", das im Zuge eines Konzerts für Radio Eins entstanden ist, dass auch Publikum anwesend war: Direkt im Anschluss an den Opener "Back from the dead" wird applaudiert, jede andere Reaktion wurde vom Album verbannt. Ein beinahe symbolischer Akt: Das Filmorchester sorgt sonst für den musikalischen Hintergrund auf den großen Leinwänden, für die passende Untermalung szenischer Bilder – die jeweils resultierenden Gefühle variieren von Zuschauer zu Zuschauer, ob er nun applaudieren mag oder nicht. Und Effekthascherei, das war eh nie MacNeils Ding. Die steht lieber auf der Bühne und singt die Songs, wie sie es auch mit ihrer Tourband machen würde, und lässt die Babelsberger Leute einen Teil des Ganzen sein.

Da wäre etwa das eigensinnige "Down under, mining", im Original natürlich deutlich reduzierter, das mit der zusätzlichen Instrumentierung wie eine druckvolle Welle alles mit sich reißt, wieder abebbt und den Saal anschließend zu fluten scheint. Oder auch die liebevoll neugestaltete Version vom herzzerreißend-dramatischen "Great white bear" vom 2009er Album "Replace why with funny", das mit neuen, kleinen Details geschmückt wurde und dessen grandioses Ende geradezu filmreif auf die Tränendrüse drückt. Am Ende ist MacNeil aber noch lange nicht angekommen.

Das ursprünglich bereits stark orchestral ausgerichtete "Good hope" erfährt dank des Babelsberger Filmorchesters einen epischen Aufschwung und bekam laut der Sängerin absichtlich ein eher mittelalterliches Gewand verpasst, während die Neuauflage von "Man of the book" das Original sogar noch toppt. "MAN (Idealistic animals)", nicht nur textlich eigentlich ein düsterer, kaum verdaulicher Brocken aus "Idealistic animals", erfährt auf "We followed every sound" eine Art Befreiungsschlag und wird etwas von seiner Schwere entlastet, bis das bombastische "WHALE (Bohoo)" ein Finale bietet, wie es der erfahrenste Regisseur kaum besser hätte schaffen können. Vielleicht wird es endlich Zeit, Dear Reader nicht länger als Geheimtipp wahrzunehmen, sondern als eine Hauptattraktion – verdient hätte sie es allemal, die MacNeil, die wahrscheinlich undivenhafteste unter den Diven.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Back from the dead
  • Down under, mining
  • Great white bear
  • WHALE (Bohoo)

Tracklist

  1. Back from the dead
  2. Cruelty on beauty on
  3. Dearheart
  4. Down under, mining
  5. From now on
  6. Good hope
  7. Great white bear
  8. MAN (Idealistic animals)
  9. Man of the book
  10. Teller of truths
  11. Took them away
  12. WHALE (Bohoo)

Gesamtspielzeit: 43:22 min.

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