Leitkegel - Raketenwissenschaft

Leitkegel- Raketenwissenschaft

Colline Noire / Broken Silence
VÖ: 22.11.2013

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Kein Pfusch am Bau

Wer weiß, was ein Leitkegel eigentlich sein soll? Richtig, Leitkegel, das sind die lustigen rot-weißen Dinger, die mit Vorliebe auf Baustellen verwendet werden. Oder als kunstvoller Einrichtungsgegenstand diverse Studenten-WGs verzieren. Landläufig übrigens auch als "Hütchen" bezeichnet. Leitkegel, das ist allerdings auch eine Band. Außerdem ist das hier auch eine der Truppen, die man – sofern man denn nur an der Oberfläche kratzt – unbesehen links liegen lassen könnte. Die Herren geben sich ganz gerne mal den unsäglichen Namen LTKGL (und jetzt mal im Ernst: Wenn wir den Menschen, der für diesen höchst lächerlichen Entvokalisierungswahnsinn verantwortlich ist, in die Finger bekommen ...), die Songs kommen mit ungelenken Titeln wie "Und ich esse auch morgens keinen Apfel" daher, werden bisweilen über sieben Minuten ausgeprügelt und lassen so ein fürchterliches Ausmaß an Verkopftheit vermuten. Dass der erste wüst geshoutete Satz "Gott ist tot" ist, passt geradezu wunderbar ins Bild. Aber hey, an der Oberfläche ist ja nicht nur so ein Leitkegel, sondern auch sonst allerhand nicht besonders einladend.

Hört man also doch gespannt rein, in "Raketenwissenschaft", offenbart sich einmal mehr, dass Vorurteile zumeist für die Tonne sind. Gut, dass es eigentlich nur fünf richtige Stücke umrahmt von In-und Outro gibt und der Rest als "Bonus" abgetan wird, ist mindestens seltsam. Und offenbart, dass dieses Album schlichtweg aus verschiedenen EPs besteht. Aber das ist eben auch vernachlässigbar, hat diese Platte doch durchaus einiges zu bieten. Mit dem Elan und der Kompromisslosigkeit der frühen Trip Fontaine fräst sich der Opener, besagtes "Und ich esse auch morgens keinen Apfel", per nervös zuckender, direkt bei Incubus' "Megalomaniac" ausgeliehener Gitarre ins Album und begeistert mit treibendem Post-Hardcore. Der seinen Ursprung ziemlich eindeutig im Bauch hat, aber trotzdem clever strukturiert wirkt. Das geht wild durcheinander, bricht ab, nimmt wieder Fahrt auf. Das ist schlichtweg ziemlich gut. Gut ist übrigens auch, dass das herrlich betitelte "Zweifünfzig für'n Staat" auf wildes Geschrei verzichtet und den Hörern inmitten aller Kratzbürstigkeit eine kleine Verschnaufpause gönnt. Die von "Bauwagenplatzromantik" - irgendwie scheint es diese Band mit Baustellen zu haben - in Form eines erbarmungslos durchgeholzten Brechers jäh unterbrochen wird. Das verlangt einem zwar durchaus etwas ab, macht aber auch ungemein Spaß. Zumal selbiger noch lange nicht vorbei ist. Schließlich packen Leitkegel ans Ende der "regulären" Songs mit "Dreieck" ein behutsam aufgebautes Stück, das man guten Gewissens als grandios etikettieren darf.

Und auch wenn die Tracklist wie eine Baustelle zusammengestellt ist: Die Bonusrunde hat es, allen voran das geradezu straighte "Frag doch den Kaplan", noch einmal ordentlich in sich. Wer solche Songs als "Bonus" tituliert, ist offensichtlich noch lange nicht fertig mit den tollkühnen Manövern im Spannungsfeld zwischen Punk, Indie und ganz viel Post-Alles. Das lässt doch mal hoffen.

(Martin Smeets)

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Highlights

  • Und ich esse auch morgens keinen Apfel
  • Dreieck
  • Frag doch den Kaplan

Tracklist

  1. Platzkarte und Sektempfang
  2. Und ich esse auch morgens keinen Apfel
  3. Des Wahnsinns fette Leute
  4. Zweifünfzig für'n Staat
  5. Bauwagenplatzromantik
  6. Dreieck
  7. Message mit happy end
  8. Frag doch den Kaplan
  9. Henning Puller
  10. Kapitulation? Ja,bitte!

Gesamtspielzeit: 40:16 min.

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