Mooryc - Roofs

Mooryc- Roofs

Freude Am Tanzen / Kompakt / Rough Trade
VÖ: 08.11.2013

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Im freien Fall

Bloß nicht den gelben Schnee essen. Und ja von offenen Fenstern wegbleiben. Weiß hoffentlich auch der inzwischen in Berlin wohnhafte polnische Elektroniker Maurycy Zimmermann – obwohl er mit seinem Kumpel Douglas Greed das Projekt Eating Snow betreibt und dem Hörer mit seinem Debütalbum unter dem Pseudonym Mooryc aufs Dach steigt. Und irgendwie muss er schließlich da hingekommen sein. Der Anfang macht es vor: Zu gedoppeltem, schmatzendem Beat, einer kleinen Synthie-Melodie und tiefhängenden Bass-Wölkchen geht schon der erste Track in gemächlichem Tempo, aber höchst trittsicher vier Minuten lang die Wände hoch. Und auch wenn sich "Open it" als Titel für einen, tja, Opener allenfalls mäßig originell ausnimmt, ist man danach offen für vieles.

Zum Beispiel für die Single "Jupiter", deren tonloses Gitarrenmotiv zunächst tapsig wirken mag, sich dann jedoch mit bemerkenswertem Durchhaltevermögen durch den Song zuppelt, während Sequenzen knattern und sich mit einem rohen Breakbeat beharken. Dazu singt Mooryc mit erstaunlich viel Soul in der Stimme vom sehnsuchtsvollen Blick durch das winzige Fenster in seinem Kabuff – und klingt dabei fast wie Moderat, die durch die Straßen humpeln und für Passanten aufspielen. Der erste spröde Hit dieses Albums. Es bleibt nicht der einzige, wobei dieser Begriff hier relativ zu verstehen ist: Straight oder gar eingängig geht es selten zu, stattdessen wickelt der Pole seine Songs behutsam, aber komplex in Schlaufen aus Downbeat und Dubstep. Letzteres natürlich keineswegs im Sinne ruinösen Skrillex-Gedröhns.

Mooryc zielt nämlich mitnichten ins dickhosige Vergnügungszentrum, sondern in das Hirnareal, das Melancholie, Enttäuschung und Verlustängste verwaltet. Und ist das einmal angestochen, quillt einiges heraus – allem voran bei "Powerless" die niederschmetternde Erkenntnis, dass die frisch beendete Beziehung ohnehin nur ein tragischer Irrtum war: "It's a sad thing for a man to admit but it's true / I never really loved you and I think you never loved me too." Da helfen weder sich das hakenschlagend durch das Stück schlängelnde Piano noch die verschachtelten Beats des ähnlich untröstlichen "Say no more". Man sieht also bald: "Roofs" ist keines der ein, zwei namhafte Features vorschiebenden Heimwerker-Alben, die auf die Länge gesehen über konstruierte elektronische Laubsägenbastelei nicht hinauskommen, sondern tief empfunden.

Ein Stärke von "Roofs" liegt allerdings auch darin, dass Mooryc die Stimmung nicht ständigig ins Bodenlose sacken lässt. "Fallin' freely" impliziert zwar emotionale Abgründe, dringt aber wie das großartige "Bless me" ausgerechnet durch geisterhafte Flächen, klackernde Rhythmen und Interferenzknacksen zur Sonne. Da stellt selbst William Bevan alias Burial auf dem Friedhof der Kuschelcrooner seinen ramponierten Ghettoblaster für einen Moment leiser. Und glaubt man dann, Mooryc endlich auf die Schliche gekommen zu sein, poltert er in "Limbo 1" mit rauen Percussions und popelt anschließend noch an den Schaltkreisen herum, um es einem nicht zu leicht zu machen. Netter Versuch – ein wunderbar beseeltes Stück Electronica ist "Roofs" trotzdem. Wenn auch eines, das sein Geheimnis nie ganz preisgibt. Doch dazu sind Geheimnisse ja auch nicht da.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Jupiter
  • Bless me
  • Powerless
  • Fallin' freely

Tracklist

  1. Open it
  2. Jupiter
  3. Bless me
  4. Powerless
  5. Say no more
  6. Fallin' freely
  7. Separate directions
  8. Limbo 1
  9. Turtle
  10. Limbo 2

Gesamtspielzeit: 39:24 min.

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