Die Krupps - The machinists of joy

Die Krupps- The machinists of joy

Synthetic Symphony / SPV
VÖ: 25.10.2013

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Schichtwechsel

Irgendwann hatte Jürgen Engler die Orientierung verloren. 1997 beendete das feine Album "Paradise now" mit einem krachenden Donnerschlag die kommerziell höchst erfolgreiche Metal-Phase seiner Band Die Krupps, mit der er in den Achtzigern noch Elektro-Großtaten wie "Stahlwerksynfonie" und "Wahre Arbeit, wahrer Lohn" vollbracht hatte. Die Rückbesinnung auf seine elektronischen Wurzeln mit dem Projekt Dkay.com geriet dann spätestens mit "Deeper into the heart of dysfunction" zum Fiasko, einem eher kläglichen Versuch, sich von Trent Reznor und Rhys Fulber inspirieren zu lassen. Es sollte fast zehn Jahre und diverse Remix-Alben dauern, bis Engler den Entschluss fasste, den Weg wieder zurück zu gehen. Zurück in eine Zeit, als die Düsseldorfer aufgrund ihrer Herkunft bisweilen gar als Blue-Collar-Version von Kraftwerk tituliert wurden.

Natürlich ist der Albumtitel "The machinists of joy" nichts anderes als eine Hommage an "The machineries of joy", das Stück, das Die Krupps endgültig in die Spitzengruppe der deutschen Elektro-Szene katapultierte. Und wer sich in der Diskographie des unlängst von uns gegangenen Lou Reed auskennt, weiß, dass Englers Pose auf dem Cover das Artwork von Reeds Album "Metal machine music" zitiert – genau, der Titel der EP, mit dem Die Krupps ihre Metal-Phase einläuteten. Von den berühmten drei Ringen, die zuletzt vor 20 Jahren "II - The final option" zierten, einmal ganz abgesehen. Wer nun aber auf diese optische Symbolik keinen Wert legt, wird unweigerlich von den ersten Songs in musikalische Zeiten transportiert, die längst vergessen schienen.

Denn Engler und seine Kollegen, unter anderem Mitgründer Ralf Dörper, holen das gute alte Stahlophon aus dem Keller und brennen ein Feuerwerk aus Electronic Body Music und Industrial ab, das in dieser Form nicht zu erwarten war. Denn nichts anderes sind Songs wie "Schmutzfabrik" oder "Robo sapien" – EBM wie aus dem Lehrbuch, voller treibender Beats und industrieller Kälte, fein seziert von Marcel Zürchers punktgenauen Gitarrenriffs. "Essenbeck" wiederum geht ganz tief zurück zu den Wurzeln, nämlich zum Film "Die Verdammten", in dem Luchino Visconti 1969 nur wenig verklausuliert Aufstieg und Fall der Familie Krupp beschrieb. Dass "Part of the machine" nicht richtig zünden kann, fällt dabei kaum ins Gewicht, insbesondere wenn man anschließend in den nur vordergründig anrührend-naiven Charme von "Eiskalter Engel" eintaucht.

Auch wenn "The machinists of joy" gegen Ende der regulären Spielzeit mitunter etwas die Puste ausgeht, verbergen sich unter den Bonustracks der Special Edition noch einige echte Perlen. Wie zum Beispiel das frech Rammstein zitierende, bissige "Nazis auf Speed". Oder "Neue Helden", feist remixed von Leæther Strip. Und natürlich "Industrie-Mädchen", die Single, die im letzten Jahr den Neubeginn einleitete. Und ein Neubeginn ist "The machinists of joy" allemal. Dass Engler einen Schritt zurück zu seinen Ursprüngen macht, war angesichts gelungener Konzerte in den letzten Jahren durchaus zu erwarten. Dass daraus aber eine derart fulminante Reminiszenz an die alte Klasse wurde, eine Neuerfindung des ureigenen Sounds gar, ist dann doch eine positive Überraschung. Der Stahl kocht wieder.

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • Schmutzfabrik
  • Robo sapien
  • Eiskalter Engel

Tracklist

  • CD 1
    1. Ein Blick zurück im Zorn
    2. Schmutzfabrik
    3. Risikofaktor
    4. Robo sapien
    5. The machinist of joy
    6. Essenbeck
    7. Im falschen Land
    8. Part of the machine
    9. Eiskalter Engel
    10. Nocebo
    11. Im Schatten der Ringe
  • CD 2
    1. Nazis auf Speed (Bonus Track)
    2. Panik (with Metal Urbain) (Bonus Track)
    3. Sans fin (with Dernière Volonté) (Bonus Track)
    4. Neue Helden (Leæther Strip Remix) (Bonus Track)
    5. Industrie-Mädchen (Bonus Track)

Gesamtspielzeit: 72:43 min.

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