Grooms - Infinity caller

Grooms- Infinity caller

Western / Cargo
VÖ: 20.09.2013

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 10/10

Der Zwang zu stören

Neue Krankheiten, alte Symptome: Travis Johnson, Sänger/Gitarrist des Brooklyner Dreigespanns Grooms, leidet laut Website ihres früheren Plattenlabels an einer "religion-fixated obsessive-compulsive disorder". Entsprechend ratlos, was das nun wieder sein soll, lässt sich zu "Infinity caller" immerhin konstatieren: Mit Geschmacksverirrung hat es glücklicherweise rein gar nichts zu tun. Denn Grooms beherrschen ihren ganz speziellen Shoegaze auch auf ihrem Drittwerk mit einnehmender Selbstverständlichkeit. Und der helfenden Hände sind zwar gewiss nicht viele, aber entscheidende. So verleiht Bassistin Emily Ambruso Johnsons leicht gehetztem Gesangsvortrag die gewisse Lush-heit, die im Genre nach wie vor nicht fehlen darf. Und Schlagzeuger Kevin Lynch knüppelt derart vehement gegen die Unterproduktion an, dass im Ergebnis noch viel weniger von Unterproduktion die Rede sein darf als ohnehin schon. Wie auch sonst der größte Vorteil von "Infinity caller" die Rocklastigkeit ist, mit der Grooms ihr Genre zelebrieren.

So erreichen Songs wie "Sleep detective", "Iskra goodbye" oder "Susie Jo" zwar nicht ganz die protopunkige Aufgeregtheit ihrer Genre-Kollegen Die! Die! Die! – Platz für schrille Leitmotive, echte Soloarbeit, knackige Basssounds und aufstrebende Refrains gibt es aber dennoch mehr als genug. Andererseits scheuen Grooms auch vor Klangexperimenten kaum zurück, weshalb "Very very librarian" und "Sometimes sometimes" trotz ihrer Drei-Akkord-Grundordnung oft genug in einem spitzzüngigen Sound-Almanach herumblättern, aus dem sich Melodien und Harmonien eher als zufällige Anziehungskräfte ergeben und nicht durch von vornherein ungefährdete Arrangements.

Als Drittes haben Grooms die genau richtige Portion frühen Postpunk getankt, um der alten Hure Melancholie ein paar notwendige Giftzähne zu verpassen. Deshalb wirken noch die hymnischsten Momente von "Completely" und "I think we're alone now" wie Rettungsbojen in einer erfrischend juvenil aufbrausenden Gischt voller Magensäure und Zivilisationsmüll – hinter der sich aber jederzeit ein hirnerweichend liebreizender Sonnenuntergang bestaunen lässt. Solch eine Selbstgefährdung ist bekanntlich äußerst selten in Shoegaze-Land und deshalb auch hochwillkommen. Mehr noch: Zu "Infinity caller" bekommt der Hörer in der Tat eine äußerst klare Idee von einem Sound, der sich aussetzt, der versucht, der ebenso spielen will wie schöngeistern und kaputtschlagen.

Allein deshalb passt es hervorragend, dass sich Grooms Hüsker Düs "Something I learned today" als Huldigung aussuchen und nicht etwa eine weitere Selbstverständlichkeit aus dem Genrebaukasten (zur Konkretisierung kontaktieren Sie bitte die Referenzliste). Denn auch hierbei klingen sie mindestens ebenso verwildert wie wild entschlossen – zu keiner Sekunde allerdings auch nur ansatzweise rat- oder planlos. Wenn also der Wahnsinn tatsächlich das Schmieröl der Kreativität sein sollte, so ist Grooms' kongenialer Wahnwitz die Unwucht, die die Maschine reibungslos am Laufen hält – was auch immer das nun wieder sein soll.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • I think we're alone now
  • Iskra goodbye
  • Susie Jo
  • Sometimes sometimes

Tracklist

  1. Lion name
  2. I Think we're alone now
  3. Sleep detective
  4. Iskra goodbye
  5. Play
  6. Susie Jo
  7. Completely
  8. Very very librarian
  9. Sometimes sometimes
  10. Something I learned today
  11. Infinity caller

Gesamtspielzeit: 38:39 min.

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