Arcade Fire - Reflektor

Arcade Fire- Reflektor

Vertigo / Universal
VÖ: 25.10.2013

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Mythen in Tüten

Arcade Fire überall. Zunächst in Form mysteriöser Graffiti-Tags an Häuserwänden der gesamten westlichen Hemisphäre, wofür der Band zeitweilig gar Sachbeschädigung vorgeworfen wurde. Dann flächendeckend im Internet – als Pappmaché-Kameraden im Clip von Anton Corbijn, mit interaktivem Video für User des Chrome-Browsers und in einem YouTube-Kurzfilm als schnelle Eingreiftruppe, die in einem Glitzer-Club U2s Bono von der Bühne schubst oder Ben Stiller und James Franco zu mauloffen glotzenden Knallchargen degradiert. David Bowie? Na gut, der kann Background singen, wenn's denn sein muss. Dazu in den Online-Abteilungen der Musikpresse Track-für-Track-Besprechungen von "Reflektor" eine Woche vor Veröffentlichung und im ehrwürdigen Plattentests.de-Forum am 30. Oktober mehr als 950 Beiträge im Thread zum Album. Puh.

Wenn es sich hier nicht um die Band handeln würde, auf die sich im grob mit dem Begriff Indie umrissenen Sektor bislang so ziemlich alle zu einigen vermochten – Arcade Fire könnten einem dieser Tage auch ganz gehörig auf den Senkel gehen. Rückblickend war es also ein durchaus kühner Schritt, ausgerechnet das siebeneinhalbminütige Titelstück als Vorboten von "Reflektor" ins Rennen zu schicken und die eigene Marketingstrategie mit kaum verhohlener Schelte für die schwindende Bedeutung persönlicher Kontakte im Online-Zeitalter zu torpedieren. "We're so connected, but are we even friends? / We fell in love when I was 19, and now we're staring at a screen." Die Kanadier sägen hier in Wort und Ton mit hörbarem Vergnügen am Ast, auf dem sie sitzen – aber wissen auch, dass sie zumindest musikalisch weich fallen werden. Von Anfang an.

Denn das nicht unumstrittene "Reflektor" ist mit ausladender Struktur, klug gesetzten Laut-leise-Wechseln und Régine Chassagnes himmlischen Gesangsparts nichts anderes als ein Arcade-Fire-Stück, wiewohl durch satten Groove und James Murphys DFA-Congas ordentlich discofiziert. Doch keine Sorge: "The suburbs"-Produzent Markus Dravs sitzt vorsichtshalber mit Neon-Bibel im Anschlag daneben. Diese besagt, dass es auch einmal etwas mehr sein darf und man sich doch bitte nicht unnötig wiederholen soll – und so haben Band und Mischpultpersonal einfach einen Riesenspaß miteinander. Soll die Fachwelt ruhig streiten, ob die Basslinie von "We exist" nun Michael Jacksons "Billie Jean" oder doch "Black is black" von Los Bravos beleiht. Die Gitarre züngelt vorwitzig empor, Win Butler fleht um Anerkennung. Soll er haben: Auch dieser Song ist ein Monster.

Und es geht genauso gut weiter. Was angesichts pompösen Doppelalbum-Überbaus, mehrerer Tüten griechischer Mythologie und vielbeschworener Einflüsse haitianischen Voodoos auch als ungenießbare Kunstscheiße hätte enden können, entpuppt sich gerade im ersten Teil als funkensprühendes Kaleidoskop voll schräger Ideen, listig reingefummelter Zitate und groß auftrumpfender Pop-Euphorie. "Here comes the night time" rennt erst gegen die Wand und verfällt dann in taumelndes Glam-Vaudeville, in dem ein mehr als angeheitertes Piano vergeblich versucht, die Melodie von Supertramps "Give a little bit" nachzuspielen. Der fantastisch bedröhnte Space-Rocker "Normal person" lässt die Leadgitarre den Refrain quieken, ehe sich die folgenden Stücke an eher bekannten Mustern orientieren. Gut, dass der Standard bei Arcade Fire so hoch ist.

Auf Tonträger zwei schraubt die Band diesen zwar kaum herunter, führt aber Brüche ein. "Awful sound (Oh Eurydice)" wirkt anfangs ähnlich körperlos wie die sich in Luft auflösende Sagengestalt, ehe unsanfte Percussions hineindrängen, die bessere Hälfte "It's never over (Hey Orpheus)" stampft energisch mit dem Post-Punk-Fuß auf und markiert das letzte Aufbäumen eines Albums, das sich zu diesem Zeitpunkt längst nichts mehr beweisen muss. Wären der hybride Dub-Reggae "Flashbulb eyes" oder das schockgefrostete "Porno" konsequenter zu Ende gedacht und würden "You already know" und "Afterlife" als hochwertige Umdeutungen von "Ready to start" und "Neighbourhood #3 (Power out)" noch ein bisschen mehr wagen – das Ganze wäre kaum auszudenken. Doch auch so ist nach dem Album vor dem Album: Arcade Fire überall. Mit Recht.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Reflektor
  • We exist
  • Here comes the night time
  • Normal person
  • It's never over (Hey Orpheus)

Tracklist

  • CD 1
    1. Reflektor
    2. We exist
    3. Flashbulb eyes
    4. Here comes the night time
    5. Normal person
    6. You already know
    7. Joan of Arc
  • CD 2
    1. Here comes the night time II
    2. Awful sound (Oh Eurydice)
    3. It's never over (Hey Orpheus)
    4. Porno
    5. Afterlife
    6. Supersymmetry

Gesamtspielzeit: 75:13 min.

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User Beitrag

kingsuede

Postings: 1267

Registriert seit 15.05.2013

2018-12-03 20:39:55 Uhr
Bei mir tatsächlich die einzige 10/10 der 2010er, aber ich wiederhole mich....

maxlivno

Postings: 1274

Registriert seit 25.05.2017

2018-12-03 20:39:27 Uhr
Hat Spaß gemacht Jungs. Freundin ist jetzt da, daher Klinke ich mich mal aus. Viel Spaß noch bei weiteren Alben

maxlivno

Postings: 1274

Registriert seit 25.05.2017

2018-12-03 20:38:38 Uhr
@Machina Das ist wahr :D
Supersymmetry 6/10

Ganzes Album ohne Supersymmetry eine 9. Mit schwankt es zwischen 8,5 und 9

MopedTobias

Postings: 11846

Registriert seit 10.09.2013

2018-12-03 20:36:50 Uhr
War schön, die mal wieder zu hören. Die paar Songwriting-Schwächen sind aber nach wie vor da.

The MACHINA of God

Postings: 15652

Registriert seit 07.06.2013

2018-12-03 20:33:05 Uhr
Geblubber könne Wilco besser.
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