Tim Kasher - Adult film

Tim Kasher- Adult film

Saddle Creek / Cargo
VÖ: 25.10.2013

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Kammerflimmern

Der Wahnsinn ist sein bester Freund. Tim Kasher hat in seinem Leben wohl noch keine Platte herausgebracht, von der man behaupten könnte, sie hätte alle Tassen im Schrank. Cursives letztes Album "I am Gemini" erzählte eine klinisch bedenkliche Geschichte von einem ungleichen, bipolaren Zwillingspaar, wobei sich das Quartett aus Nebraska schon ein wenig in seiner komplexen Storyline verhedderte und dabei eher durchwachsenes Liedgut präsentierte. Nun ist Kasher wieder alleine unterwegs und lässt den nervösen Cursive-Indierock dabei weitestgehend außen vor. Auf seinem zweiten Soloalbum "Adult film" spielt er größtenteils entspannten Gitarrenpop, der ab und an mit saddlecreekigen Folk-Momenten und nur gelegentlich mit abgefahreneren Einfällen ausstaffiert wird.

Vor knapp drei Jahren war Kasher das erste Mal solo unterwegs und brachte mit "The game of monogamy" ein Album raus, mit dem er sich als Haderer, Zweifler und Skeptiker inszenierte. Es war eine weitestgehend ruhige, aber sicherlich keineswegs harmlose Platte, mit der Kasher die Emanzipation von Cursive und The Good Life einleitete. "Adult film" ist ähnlich gelagert, wirkt nachdenklich, ohne sich in verkopften Konzepten zu verfangen. Und so beginnt die Platte auch recht beschwingt mit "American lit", einer Nummer, die so in etwas entschrägter Form vielleicht auch von The Weakerthans denkbar wäre, würden sich die Herren aus dem gesegneten Winnipeg mal wieder aufraffen können, eine neue Platte einzuspielen.

Nach dem tollen Einstieg flacht das Album ein wenig ab: Das bereits vorab veröffentlichte "Truly freaking out" ist zu gewollt und platzt vor lauter Ideen aus allen Nähten. Schade, dass Kasher hier keinen roten Faden reinkriegt und sich das Lied schlussendlich wie eine alberne Kirmes-Nummer anhört. Das folgende "Where's your heart lie" ist eine etwas zu schläfrige Ballade, die einen zwar runterbringt, aber letztendlich schlicht zu schlicht ist, um sonderlich ans Herz zu gehen. Zum Glück folgt darauf der stärkste Song in Kashers Solokarriere: "The willing cuckold" ist optimistischer Gitarrenpop, der in seinen knapp vier Minuten all das vereinigt, was man an Kasher so schätzt: Hier verbindet er seine geistige Schrägheit mit einer großen Melodie und einer nahezu perfekten Instrumentierung. Chapeau!

Über weite Teile der zweiten Hälfte schummelt sich Kasher durch seine indifferenten Indiefolk-Nummern, die meist eher unauffällig und -dringlich daherkommen, oftmals ganz nett anzuhören sind, aber nun auch nicht unbedingt darum betteln, auf Repeat gesetzt zu werden. Vielleicht ein generelles Problem in Kashers Solokarriere. Dass er es auch anders – um nicht zu sagen: besser – kann, beweist er mit der lustvollen Lagerfeuer-Nummer "A raincloud is a raincloud" oder der orgeligen ADHS-Einlage "A looping distress signal", dem rockigsten Song der neuen Platte, den er nach knapp zwei Minuten abbricht, nur um dann sein irres Lachen zu lachen und eine Bridge einzuleiten, die mit dem restlichen Song zwar wenig zu tun hat, aber prinzipiell schon ziemlich genial ist. Genie und Wahnsinn, ja, die beiden liegen ja ohnehin eng beinander. Bei Tim Kasher schlagen sie als linke und rechte Herzkammer gemeinsam in einer Brust.

(Kevin Holtmann)

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Highlights

  • American lit
  • The willing cuckold
  • A looping distress signal

Tracklist

  1. American lit
  2. Truly freaking out
  3. Where's your heart lie
  4. The willing cuckold
  5. Life and limbo
  6. Lay down your weapons
  7. You scare me to death
  8. A raincloud is a raincloud
  9. A looping distress signal
  10. A lullaby, sort of

Gesamtspielzeit: 39:20 min.

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Lichtgestalt

Postings: 4751

Registriert seit 02.07.2013

2013-09-11 19:53:08 Uhr
Cool. Allerdings wäre mir mal was Neues von The Good Life lieber!

Armin

Postings: 13785

Registriert seit 08.01.2012

2013-09-11 19:01:27 Uhr
+++ Tim Kasher (US) - "Adult Film" +++

Album-VÖ: 25.10.2013 / Label:Saddle Creek / Vertrieb: Cargo Records

Tim Kasher scheint nie zur Ruhe zu kommen. Seit 1997 hat er zwölf Studioalben geschrieben und veröffentlicht. Das neueste Werk des Cursive-Frontmanns, Adult Film, ist inhaltlich so flexibel wie kein anderes Kasher-Album. Die Songs behandeln umfassende Themen wie Moral, das Aufwachsen und Altern und wie all diese Dinge die Beziehungen zwischen uns beeinflussen. Kasher ist lyrisch so prägnant und scharfsinnig wie man ihn kennt und schätzen gelernt hat. Das Album ist gespickt mit weitreichenden Überlegungen, cleveren Wendungen und vielen Reflexionen über sich selbst und die Welt im Ganzen. Kashers trockener Humor paart sich unverwechselbar mit der üblichen Selbstironie

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