Lee Ranaldo And The Dust - Last night on Earth

Lee Ranaldo And The Dust- Last night on Earth

Matador / Beggars / Indigo
VÖ: 04.10.2013

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Langsam, aber sicher

Es wurde Zeit für Lee Ranaldo. Thurston Moore präsentierte bereits das Debüt seiner neuen Truppe Chelsea Light Moving, Kim Gordon legte mit Body/Head das Album "Coming apart" vor, auch wenn sie sich auf diesem teilweise um Kopf und Kragen spielte – da mochte der zweite Gitarrist der mehr oder weniger aufgelösten Sonic Youth gegenüber seinen ehemaligen Kollegen ungern ins Hintertreffen geraten. Zudem brauchte auch der vielbeschäftigte New Yorker, der nebenbei Multimediainstallationen aufführt und Bücher schreibt, allmählich eine Band. Auf "Between the times and the tides" hatte er sie mit Alan Licht und dem früheren Sonic-Youth-Drummer Steve Shelley schon zu drei Vierteln beisammen, und nun ist mit Tim Lüntzel auch ein Bassist gefunden. Gestatten: Lee Ranaldo And The Dust.

So überrascht es kaum, wenn auf "Last night on Earth" die Veränderungen gegenüber dem Vorgänger minimal sind. Sieht man einmal davon ab, dass die Rhythmusgruppe meist noch ein wenig gemächlicher zu Werke geht und daher Puste für durchschnittlich sieben Minuten pro Stück hat, während die Gitarren die großzügige Spielzeit nutzen, um gleich mehrere Themen auf einmal einzuflechten. Doch natürlich artet auch hier nichts davon in die experimentellen Klanggebilde von Ranaldos Soundtrackarbeiten wie "Music for stage and screen" aus, und auch von Text Of Light, dem Improvisations-Kollektiv, das er zusammen mit Licht und anderen unterhält, haben diese neun Songs nicht das Geringste. Dafür umso mehr von gediegenem Slacker-Indie-Rock, der bei der Entdeckung der Langsamkeit ganz genau zugeguckt hat.

Schließlich ist es kein Geheimnis, dass Ranaldo vor allem bei zurückgelehnten Sonic-Youth-Songs wie "Disconnection notice" schon immer mehr Einfluss hatte, als man gemeinhin annahm. Doch "Last night on Earth" kennt auch die psychedelischen Gitarrenschwaden des Paisley Underground von Los Angeles und vor allem Michael Stipes näselnde Phrasierung, an die Ranaldos Gesang wiederholt erinnert. Dazu rumpeln die Stücke hauptsächlich gemütlich bis tiefenentspannt daher – was aber nichts daran ändert, dass sich die vier Musiker als eingeschworenes Gespann vermutlich nur unmerklich zunicken müssen, um das Tempo vom einen auf den anderen Moment empfindlich anzuziehen. Und plötzlich wird der Opener "Lecce, leaving" vom kleinen Reisetelegramm zum imposanten, von Stromgitarren überwucherten Stampfer.

Da ist es angesichts instrumentaler Wucht und mehrerer kompositorischer Schichten manchmal nicht zu vermeiden, dass einige Songs ein wenig ausfasern. Ranaldo und seine Mitstreiter finden jedoch stets wieder in die Spur zurück und sorgen für ein schlüssiges Ende. Besonders beim Titelstück oder dem vergleichsweise aufrührerischen "Ambulancer". Gegen Ende zieht das Quartett sogar ein paar Mal ungewohnte Saiten auf: "Late descent #2" ist eine beschauliche Cembalo-Miniatur, und beim zerrenden Psych-Elfminüter "Blackt out" – womöglich die musikalische Umsetzung von Hurrikan Sandy, dank dem die Ranaldos im Herbst 2012 eine Woche ohne Elektrizität dasaßen – darf Sohnemann Sage im Backgroundchor mitjohlen. Inzwischen ist der Strom längst wieder da – wie es sich gehört für ein souveränes Stück unaufgeregte Rockmusik.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Lecce, leaving
  • Last night on Earth
  • Blackt out

Tracklist

  1. Lecce, leaving
  2. Key / hole
  3. Home chds
  4. The rising tide
  5. Last night on Earth
  6. By the window
  7. Late descent #2
  8. Ambulancer
  9. Blackt out

Gesamtspielzeit: 63:54 min.