Cass McCombs - Big wheel and others

Cass McCombs- Big wheel and others

Domino / GoodToGo
VÖ: 11.10.2013

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Erwischt

Da ist er wieder, der gute Cass McCombs. Der Kalifornier, der bekanntermaßen ein Nomadendasein dem gewöhnlichen Niederlassen an einem Ort vorzieht. Dessen fantastisches 2009er Album "Catacombs" ihn bei einer kleinen, aber feinen Menschengruppe bekanntgemacht hat. Und dessen darauffolgendes "Wit's end" dem Hörer das Lächeln im Gesicht geraubt hat, dafür aber für ein paar Tränchen in den Augen sorgte. Da half es auch nicht, dass das gerade mal ein halbes Jahr später veröffentlichte "Humor risk" schon weniger schwerfällig, traurig, herzzerreißend klang: Es war einfach Zeit für eine Pause. Auch für McCombs selbst. Und jetzt schlendert er wieder um die Ecke mit seinem Gitarrenkoffer, in den Händen sein neues Werk "Big wheel and others", ein Doppelalbum. Kaum eingelegt, erwischt es einen schon wieder. Aber ganz anders als gedacht.

Die ersten Worte kommen nicht von McCombs selbst, sondern von einem vierjährigen Jungen – viereinhalb, Pardon –, der die Wochentage übt, dabei doch wieder durcheinander gerät und schließlich munter von seinem Graskonsum berichtet. Bitte, was? Ja, richtig. Der Junge, Titelgeber und Hauptobjekt des Dokufilms "Sean" aus dem Jahr 1969, hat im Opener "Sean I" seinen ersten von drei Kurzauftritten. Der Macher des Films, Ralph Arlyck, ist ein Freund und Kollaborateur von McCombs, womit sich der Kreis schließen dürfte. Trotzdem erfasst einen die Stimme des Hippie-Kindes, der Gras sowohl isst als auch raucht, wie eine eben noch gar nicht wahrgenommene Welle. Beste Voraussetzungen also, um "Big wheel and others" auf angemessene Weise zu starten. Jetzt sind wenigstens alle wach.

Eine verdrogte Platte folgt dann wider Erwarten doch nicht. Vielmehr wirkt es wie ein Treffen mit alten Bekannten, die man lange nicht mehr gesehen und vermisst hat, ohne es wirklich zu wissen. Da ist die liebliche Hingabe von "Angel blood" oder auch "Morning star", deren entspanntes Gitarrenspiel so herrlich unhektisch daherkommen, die sensibel klingen, ohne weinerlich zu sein. Oder auch der perfekte Soundtrack des eigenen Roadmovies mit dem percussionstarken "There can be only one", dessen spirituelle Seite schon "Humor risk" gut zu Gesicht stand. Mit dem Neunminüter "Everything has to be just-so" gibt es pünktlich zur Teilung des Album dann nicht nur den längsten Song in McCombs Gesamtwerk, sondern auch wieder einen dieser wunderbaren experimentellen Versuche, der hier als kleine Kneipen-Ballade startet, sich darüber hinaus in ein dramatisches Abschiedsepos entwickelt und sich am Ende doch wieder in die hinterste Ecke der Kneipe verzieht.

Die zweite CD von "Big wheel and others" fordert den Hörer da schon deutlich mehr heraus. Mit "It means a lot to know you care" haut er da erstmal ein dreieinhalbminütiges Instrumental raus, mit "Satan is my toy" versucht er sich an einer rauhen Hardrock-Einlage inklusive der fragwürdigen Zeile "Satan is my toy / And Jesus is my boy", und "Honesty is no excuse" sei Dank darf man zukünftig auch einen jener Sätze sagen, an die man vorher nicht mal im Traum gedacht hätte: Cass McCombs covert Thin Lizzy. Und das nicht mal schlecht. Zudem gibt es auf Disc Two zwei weitere Wiedersehen mit dem kleinen Sean, der an einer Stelle von seinem Traum erzählt, in dem Eiscreme die Menschen aufisst, die Existenz von Gott anzweifelt und verkündet, dass Polizisten unnötig seien und mit Flaschen beworfen werden sollten. Selten hat die Stimme eines Kindes für mehr eiskalte Schauer gesorgt. Schnell zum nächsten Song, der zweiten Version von "Brighter!", auf dem die mittlerweile leider verstorbene Sängerin und Schauspielern Karen Black einen letzten wunderschönen, ihrem Beruf entsprechend hochdramatischen Auftritt hat. Eine 180-Grad-Wendung und ein paar Songs später endet "Big wheel and others" schließlich mit dem vollkommen minimalistisch gehaltenen "Unearthed" und der Frage, wie lange McCombs wohl diesmal wieder auf sich warten lassen wird. Und vor allem, was er dann für uns parat hat.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Angel blood
  • Morning star
  • There can be only one
  • Everything has to be just-so
  • Brighter! (feat. Karen Black)
  • Honesty is no excuse
  • Aeon of aquarius blues

Tracklist

  • CD 1
    1. Sean I
    2. Big wheel
    3. Angel blood
    4. Morning star
    5. The burning of the temple, 2012
    6. Brighter!
    7. There can be only one
    8. Name written in water
    9. Joe Murder
    10. Everything has to be just-so
  • CD 2
    1. It means a lot to know you care
    2. Dealing
    3. Sooner cheat death than fool love
    4. Satan is my toy
    5. Sean II
    6. Home on the range
    7. Brighter! (feat. Karen Black)
    8. Untitled Spain song
    9. Sean III
    10. Honesty is no excuse
    11. Aeon of aquarius blues
    12. Unearthed

Gesamtspielzeit: 85:10 min.

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User Beitrag

saihttam

Postings: 1286

Registriert seit 15.06.2013

2013-12-19 00:22:47 Uhr
Wird über seine gesamte Länge wirklich kaum langweilig. Schön!

Herder

Postings: 1806

Registriert seit 13.06.2013

2013-10-24 19:13:59 Uhr
Ich muss schon sagen, mit der Rezension bin ich sehr einverstanden, Glückwunsch Frau Depner ;)
Mit der Benotung würde bzw. tue ich mich immer ein wenig schwer; das Album ist ja ein ganz schöner Ritt und wie man da auf eine Note kommen soll, ist mir nicht immer so ganz klar. So aus dem Bauch heraus, wäre ich eher auf die acht gegangen, das ist ja aber auch nicht all zu weit weg.

sugar ray robinson

Postings: 85

Registriert seit 14.06.2013

2013-10-22 21:35:08 Uhr
Richtig gut und kurzweilig geworden. Die ersten 5 Songs nach dem Intro sind großartig. Irgendwie wird der Typ immer brillanter. Nach den neuen Alben von Bill Callahan und Nick Cave vielleicht die beste Leistung dieses Jahr...

Obrac

Postings: 1050

Registriert seit 13.06.2013

2013-10-22 20:31:47 Uhr
Neues Album oder was? Voll geil..

Gordon Fraser

Postings: 1192

Registriert seit 14.06.2013

2013-10-22 19:05:04 Uhr
McCombs hält das Niveau der starken letzten drei Alben (wobei er sowieso kaum ein schwaches Album im Backkatalog hat). Ich hatte angesichts der Länge dieses Albums mit einigen, nun ja, Längen gerechnet, aber nix da. Die 85 Minuten vergehen wie im Flug, dank geschickter Tracklist, dazu die bizarren Sean-Einspieler und völlig aus der Reihe fallende Songs wie "Satan is My Toy".
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