Gary Numan - Splinter (Songs from a broken mind)

Gary Numan- Splinter (Songs from a broken mind)

Cooking Vinyl / Indigo
VÖ: 11.10.2013

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Unter der Hutschnur

Analog ist besser? Fragt mal die junge Frau, die im neuesten Gary-Numan-Clip zu "Love hurt bleed" vor der Glotze sitzt und Zeuge wird, wie der alte Meister mit vor dem digitalen Zeitalter handelsüblichen Tape-Schlaufen hantiert. Plötzlich schießt der Bandsalat nämlich aus dem Fernseher und droht die Ärmste zu strangulieren, während Numan mit finsterem Blick und Zylinder auf dem Kopf weiter über die Mattscheibe flimmert und wenig später noch Verstärkung von drei gruselig untoten Knirpsen bekommt. Man sieht: Der Umzug ins sonnige Kalifornien hat den schattigen Output des Engländers nicht nennenswert beeinflusst, wie bereits der Untertitel des Nachfolgers von "Dead son rising" andeutet: Hinter dem dunklen, monochromen Artwork lauert ein feister Batzen gedrückte Elektronik, unter der Hutschnur ein gebrochenes Gemüt.

Und wenn Numan dieses dann mit ausgesprochenem Hang zur Selbstzerfleischung unter die Lupe nimmt, wird er vor allem jene auf dem falschen Fuß erwischen, die lediglich Wave-Pop-Evergreens wie "Cars" oder "Are 'friends' electric?" von ihm gewohnt sind. Stattdessen spitzen alle, denen ob der Veränderungen auf Nine Inch Nails' Album "Hesitation marks" der Stoßseufzer "And all that could have been" entfahren war, bei den schmatzenden Synth-Bässen und dazwischenfahrenden Holzfäller-Gitarren umso mehr die Ohren. Denn so wie Trent Reznor Numan einmal als maßgeblichen Einfluss angab, zehrt der Brite zusammen mit Produzent Ade Fenton nun seinerseits vom robusten, hybriden Sound des amerikanischen Industrial-Säulenheiligen. Nur dass "Splinter (Songs from a broken mind)" letztendlich weitaus leichter auszurechnen ist.

Trotzdem mimt der Brite in an Jack The Ripper erinnerndem Outfit gerne den düsteren Gesellen – nicht die einzige Ähnlichkeit mit Marilyn Manson, der sich mit Hannibal-Lecter-Maske 2003 ebenfalls nach dem Vorbild eines namhaften Bösewichtes präsentierte. Entsprechend probt Numan zu den satten Streichersätzen von "Here in the black" kurz den religionskritischen Aufstand und pflegt zudem den gleichen atemlosen Sprechgesang wie Manson bei "This is the new shit". Nun mag das Stück zwar nicht der neueste Scheiß sein – doch es bohrt ein exquisites, dickes Brett voller Electro-Getöse und verfängt sich ein ums andere Mal in Breaks, die wie schwarze Löcher gähnen. Und während man mal wieder merkt, wie beklemmend Stille sein kann, holt Numan schon zum nächsten Schlag aus. Eine Spannung, die auf Albumlänge allerdings zusehends verflacht.

Zu offensichtlich ist das Wechselspiel von schwer vorwärtsschiebendem Synthie-Rock und lebensmüden Schleichern, zu limitiert der oft leidende Gesang, auch wenn er sich beim Titelstück zur Abwechslung in Zwiesprache mit kehligen weiblichen Background-Vocals befindet. Dankenswerterweise von allem Bombast und Ballast entschlackt hat Numan dagegen die eindringliche Pianoballade "Lost", und "Love hurt bleed", der bereits genannte Song mit dem ungemütlichen Video, setzt der voluminösen Sequenz eine pointiert schwebende Keyboard-Melodie entgegen. Viel mehr an Subtilitäten hat dieses Album dann zwar nicht zu bieten – dafür aber auch keine groben Ausfälle und mit "Who are you" sogar ein Schmankerl für EBM-Hörer alter Schule, die immer noch gern zu The Kliniks "Moving hands" über die Tanzfläche walzen. Manchmal ist analog eben doch besser.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Here in the black
  • Lost
  • Love hurt bleed

Tracklist

  1. I am dust
  2. Here in the black
  3. Everything comes down to this
  4. The calling
  5. Splinter
  6. Lost
  7. Love hurt bleed
  8. A shadow falls on me
  9. Where I can never be
  10. We're the unforgiven
  11. Who are you
  12. My last day

Gesamtspielzeit: 54:46 min.

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