Gypsy Chief Goliath - The machines of the night

Gypsy Chief Goliath- The machines of the night

Pitch Black / Soulfood
VÖ: 11.10.2013

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 3/10

Gute Reflexe

Was ist eigentlich ein Reflex? Im Abwesenheit von medizinischen Fachlexika spricht die nächstbeste Quelle im Internet von einer "unwillkürlichen, raschen und gleichartigen Reaktion eines Organismus auf einen bestimmten Reiz". Angenommen, der Organismus ist ein gemeiner Plattentester und der Reiz ein Sänger, der wie Phil Anselmo klingt. Wie sieht dann die unwillkürliche, rasche und in jedem Fall gleichartige Reaktion aus? Wären wir hier an der Plattentests-Uni und unsere geschätzten Leser und Leserinnen die Studierenden, dann wäre das die Essayfrage für die übernächste Sitzung. 1000 Wörter, Times New Roman 12, doppelter Zeilenabstand. Bis dahin (und bis wir hier alle nach Besoldungsgruppe W 2 bezahlt werden) beantwortet der Rezensent die Frage einfach mal selbst (und hoffentlich kürzer).

Unter Laborbedingen lässt sich in diesem Fall ein leichtes Verziehen der Mundwinkel nach unten beobachten, zusammen mit einem Runzeln der Stirn und einem leicht angewiderten Blick. Die Hände heben sich zum Teil schützend, zum Teil abwiegelnd zwischen Kopf und Lautsprecher. Die Reflexreaktion endet dann üblicherweise mit dem Abschalten der Tonquelle. Das sofort darauffolgende Entsorgen des Tonträgers ist dann schon wieder bewusste Handlung und gehört nicht mehr zum ursprünglichen Reflex! Soweit die Theorie.

Die Anzahl an Möchtergern-Anselmos hat in den vergangenen paar Jahren zum Glück rapide abgenommen. Pantera sind Geschichte, Down bringen alle Jubeljahre mal ein paar Songs heraus und der Rest, den Anselmo so veranstaltet, ist zumindest gewöhnungsbedürftig. Gypsy Chief Goliath springen nun in die mittlere Lücke dieser Misere: Doom Metal mit einem Fast-Anselmo am Mikro. Über den Bandnamen und das scheußliche Cover verlieren wir lieber keine Worte. Aber gerade aufgrund all der zweifelhaften Vorzeichen ist es überraschend, dass die zehn Songs auf "New machines of the night" ohne Ausnahmen überzeugen.

Die Band umschifft so ziemlich alle Klischee-Untiefen auf ihrer Reise. Statt übermäßigen Stoner-Referenzen, käsigen Metal-Soli und übermäßigen Nostalgie-Trips spielen Gypsy Chief Goliath geradlinigen Southern Metal zwischen doomiger Langsamkeit und Midtempo, mit kratzigem, aber klaren Gesang und in schnörkellosen Fünf-Minuten-Happen. Statt sich irgendwelchen Trends hinzugeben, lässt die Band ein wenig Platz für Mundharmonika und ein paar Blues-Riffs und -Soli, die die Platte wunderbar organisch klingen lassen.

Normalerweise würde man sumpfige Nackenbrecher wie "Dirt meets rust" eher in den US-amerikanischen Südstaaten vermuten und nicht in Kanada. Ähnlich wie ihre Landsleute Cancer Bats zeigen Gypsy Chief Goliath aber eine große Empathie für Phil Anselmos Heimat und den dortigen kreativen Schmelztiegel. "St. Covens Tavern" zum Beispiel beginnt mit einem griffigen Uptempo-Metalriff, prügelt sich dann leicht gebremst einen kurzen Moment lang in Richtung Mittelmaß und dreht dann ebenso unerwartet wie großartig sowie butterweich in Richtung gutgelaunte Thin-Lizzy-Gefilde ab. "Secret liaison" geht als Quasiballade ganz ohne peinliche Momente durch, gleiches gilt für das episch angelegte "The white owl". Und die trockengelegten Metal-Sümpfe "Slow leak" und "Are you pulling through" sind sowieso Gewinner. Am Ende von "Fought for death" setzt dann glücklicherweise ein weiterer anderer Reflex ein: Daumen hoch!

(Maik Maerten)

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Highlights

  • Are you pulling through
  • St. Covens Tavern
  • This white owl

Tracklist

  1. Uneasy kings
  2. Are you pulling through
  3. Busting the avenue
  4. Dirt meets rust
  5. St. Covens Tavern
  6. Got no soul
  7. Secret liaison
  8. This white owl
  9. Slow leak
  10. Fought for death

Gesamtspielzeit: 44:31 min.

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