Hannah Georgas - Hannah Georgas

Hannah Georgas- Hannah Georgas

Dine Alone / Soulfood
VÖ: 27.09.2013

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Über dem Äther

Es muss nicht immer gleich das peinlichste Lieblingsalbum sein. Nein, es geht gewiss auch ein paar Stufen darunter, unaufgeregter, mit weniger umgekehrt psychologischem Distinktionsgewinn. Wenn der Black-Metaller zu Debussy ganz einträchtig die Hände verschränkt, der Techno-Jünger zu Dixieland übers Stadtteilfest schwoft oder die Lebenszeit-Punkerin ihr Mütchen an drei Portionen Brian Eno kühlt, so kann das oft genug auch einfach ein Zeichen dafür sein, dass die Ohren gerade mal wieder müde sind von zu viel Rambazamba. Was ihnen in diesem Fall allerdings nicht im Traum einfallen dürfte: einfach das Radio anzustellen. Denn über diesen Schatten springt es sich nicht eben leicht, tummeln sich in ihm doch äußerste Monstrositäten. Zudem: Ein Pop-Rock von der Güte Hannah Georgas dürfte zumindest über den hiesigen Äther kaum gesendet werden. In ihrer kanadischen Heimat sieht das schon anders aus.

Bereits zu Debüt-EP und -Album war Georgas eine der Hoffnungsträgerinnen in den Rundfunkräten der Canadian Broadcasting Corporation – ein Zustand, der sich auch zu ihrem selbstbetitelten Zweitwerk nicht geändert hat, obwohl Georgas ihren Sound hier durchaus erweitert, indem sie das Düsterwäldler-Folk-Gewand mit einigen Synthie-Pailletten und Pop-Beats ausschmückt. Erst jetzt und erst so passt das dann scheinbar in die hiesige Radio-Landschaft, weshalb es "Hannah Georgas" mit über einjähriger Verspätung doch noch über den großen Teich geschafft hat. Glückwunsch zu so viel Schnarchnasentum auf der einen Seite – und Glückwunsch zu einem rundum gelungenen Radio-Pop-Rock-Album auf der anderen.

Ja, ganz recht: Wann beglückwünscht man schon mal so was? Doch in der Tat, es stimmt: "Hannah Georgas" hat ausreichend Potenzial, um diverse Großraumbüros zu befrieden. Songs wie "Robotic", "Enemies" oder "Millions" deklinieren verschiedene Midtempi durch, Georgas singt dazu traumwandlerisch und bedächtig, doch stets auch offensiv genug. Durch den Hintergrund pluckert Vierviertel-Elektronik, die zu den Refrains in melancholische Kontermelodien aufbricht. Gitarren, Bass und Schlagzeug werden passgenau dazwischengesetzt, dominieren die Songs aber nie wirklich. "Shortie" und "Fantasize" haben hingegen derart behutsamen und spartanischen Disco an Bord, dass selbst Lykke Li andächtig die Klappe hält. Und mit "Ode to mom" schiebt sich ungeniert eine Ballade kurz vor den Schluss des Albums, die Coldplay erklären könnte, dass ein wenig mehr instrumentale Konsequenz auch ihr Rettungsanker sein müsste.

Georgas' Trick ist bei all dem schnell ausgemacht: Wie unbeirrt all die Radio-Formeln auch ausgespielt werden, letztlich bleiben ihre Songs sehr ökonomisch, haben eine klare Idee von Klang und Elegie und setzen sie konsequent um. "Hannah Georgas" hält das durch, und zwar bis zum abschließenden "Waiting game", das noch enger als "Robotic" und "Millions" auf der Grenze von Synthie-Pluckern und Gitarren-Achteln tanzt. Dazu eine weitere 1980er-Synthie-Melodie auf und zwischen jeder Viertelnote und Georgas Märchenerzähler-Stimme: Fertig ist ein weiteres komplett unaufgeregtes, harmonisch ebenso simples wie präzises Pop-Kleinod, zu dem man all den Betonköpfen in den Radio-Redaktionen zurufen möchte: "Wenn schon, dann spielt gefälligst DAS, verdammt noch eins." Wenn man damit nicht Gefahr laufen würde, der fragilen Stimmung von "Hannah Georgas" Unrecht zu tun. Also bleiben wir brav, unsere Empfehlung fürs entspannte Schattenspringen steht aber unmissverständlich: Über dem Äther wartet Hannah Georgas, und zwar mit Musik voller ausgebreiteter Arme – ein Narr, wer hier nicht die Ohren ausruht.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Robotic
  • Enemies
  • Fantasize
  • Millions
  • Waiting game

Tracklist

  1. Elephant
  2. Somebody
  3. Robotic
  4. Enemies
  5. Shortie
  6. Fantasize
  7. Millions
  8. What you do to me
  9. Ode to mom
  10. Waiting game

Gesamtspielzeit: 34:42 min.

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