Jason Isbell - Southeastern

Jason Isbell- Southeastern

Southeastern / Al!ve
VÖ: 11.10.2013

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Relativ großartig

Es ist wohl allen Beteiligten gegenüber unfair, diesen Vergleich zu ziehen, aber Jason Isbell war nicht weit entfernt von einem Ende ähnlich dem von Layne Staley, Kurt Cobain oder John Bonham. Der Grund dafür – und das soll nicht despektierlich klingen – ist ja immer der gleiche: zu viel Ruhm in zu jungen Jahren. Alkohol und andere Drogen versprechen die Antwort oder gar die Rettung, ein paar Jahre lang geht das gut, aber dann ist Schicht im Schacht. Am eigenen Erbrochenen erstickt, Überdosis, Schrotflinte – das traurige Ende kennt man. Bei Isbell war es der Alkohol, der ihn fast umgebracht hat. Wofür eigentlich? Kennt den Mann hierzulande überhaupt jemand?

Soviel vorweg: Spätestens mit "Southeastern" sollte man ihn kennenlernen, auch wenn Isbells Wurzeln im amerikanischsten aller Musikstile liegen. Mit knapp über 20 Jahren wurde er Gitarrist bei Drive-By Truckers, die mit ihrem empathischen, story-fokussierten Alt-Country vor allem im Süden der USA Erfolge feiern. Isbell schrieb gleich nach seinem Einstieg ein paar der besten Songs der Band, heiratete jung, wurde in der Country-Szene als einer der besten Songwriter seiner Generation gefeiert – und verfiel dann dem Alkohol. Das vorläufige Ende war der Rausschmiss bei Drive-By Truckers, eine Scheidung und ein ziemlich mäßiger Start in die Solokarriere.

Denn im Rückblick sind seine ersten beiden Platten keine Großtaten. "Here we rest", war schon wieder näher dran an seinen besten Momenten, aber so richtig ist der Knoten erst jetzt geplatzt. "Southeastern" ist das erste Album, das Isbell einfach unter seinem Namen herausbringt, es hat ein unscheinbares Cover und kommt in weiten Teilen sehr schlicht daher. Aber die Songs haben es in sich. Jeder einzelne. Jede einzelne Strophe. Jeder einzelne Vers. Isbell gelingt ein Kunststück: eine homogene und sehr vorsichtig instrumentierte Country- und Folkplatte ohne Längen.

"Cover me up" startet nur mit Stimme und Gitarre: "Girl, leave your boots by the bed, we ain't leaving this room / 'Til someone needs medical help or the magnolias bloom." Der Song bildet auch in biografischer Weise das Vorspiel, den Start in ein trockenes Leben. Danach ist "Southeastern" oft durchaus eine Bandplatte, in dem Sinne, dass auch Schlagzeug, Bass, vereinzelte Slidegitarren und hier und da eine Violine oder ein Keyboard ihren Platz haben. Im Zentrum stehen aber die Erzählungen: "Elephant" zum Beispiel handelt von einer Beziehung zu einer krebskranken Frau und dem sprichwörtlichen Dickhäuter im Raum, "Songs that she sang in the shower" ist eine berührende Geschichte über eine gescheiterte Liebesgeschichte und das Loch, das zurückbleibt.

Der lauteste Song ist "Super 8", eine stampfende Country-Rocknummer über den letzten Absturz. "Wasn't quite morning and I wasn't quite breathing / My heart way up in my throat" singt Isbell, und trotz allen Sarkasmus seinerseits wünscht man ihm, dass das nie wieder passiert. Aus der Menge der fantastischen Songs sticht jedoch das abschließende "Relatively easy" ganz besonders heraus und hallt noch stundenlang im Ohr nach, lange nachdem "Southeastern" das letzte Mal lief. Die vorsichtige Melancholie von Zeilen wie "You should know, compared to people on a global scale / Our kind has had it relatively easy / Here with you, there's always something to look forward to / My angry heart beats relatively easy" füllt die bittersüßen Akkordfolgen mit einer wuchtigen Klarheit, die den Hörer mit ihrer Zerbrechlichkeit kalt erwischt, und zwar immer wieder. Wie der Alkohol eben – nur halt auf großartige und nicht auf zerstörerische Weise.

(Maik Maerten)

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Highlights

  • Cover me up
  • Songs that she sang in the shower
  • Super 8
  • Relatively easy

Tracklist

  1. Cover me up
  2. Stockholm
  3. Traveling alone
  4. Elephant
  5. Flying over water
  6. Different days
  7. Live oak
  8. Songs that she sang in shower
  9. New South Wales
  10. Super 8
  11. Yvette
  12. Relatively easy

Gesamtspielzeit: 47:19 min.

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