Die Goldenen Zitronen - Who's bad?

Die Goldenen Zitronen- Who's bad?

Buback / Indigo
VÖ: 27.09.2013

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Neuland, halt's Maul

Was ist bloß mit dem Punk los? Selbst die CDU singt inzwischen "Tage wie diese" – freilich ohne dass dieser Song im Vornherein noch viel von Punk gehabt hätte. Die Rechteinhaber des Backkataloges von The Clash machen sich mit einem neuen Komplett-Boxset die Taschen voll – die kann man in Zukunft also ruhig forscher als bloß mit "Haste mal'n Pfund?" anschnorren. Gut, dass es die Goldenen Zitronen gibt. Die haben nämlich begriffen, dass Punk über In-die-Blumen-Kotzen hinausgeht und sich trotz verstärkter Hinwendung zur Elektronik ihr Antitum bewahrt. "Who's bad?" – einerseits kalkuliert größenwahnsinniger Verweis auf den King Of Pop, andererseits Anspielung auf die vielen Fratzen des Bösen: Gentrifizierung, Verhökerung kultureller Werte, digitale Ausspähinstanzen. Dinge, mit denen die Goldenen Zitronen eben nicht einverstanden sind.

Vor allem nicht mit dem geplanten Abriss der Esso-Häuser auf St. Pauli. Grund genug, dem Thema auf "Who's bad?" direkt zwei Songs zu widmen: "Der Investor" atmet schwer vor bassigem DAF-Muskelfunk und karikiert krakeelend Immobilienheuschrecken, und im ungemein schiebenden Groovebolzen "Echohäuser" singt zu blubbernder Dampforgel ein ganzer Bewohnerchor mit, angeführt von Chicks On Speeds Melissa Logan. Die weiß außerdem zu berichten: "Wir können aber nicht alle nach Berlin / Weil mittlerweile sind alle Langweiler dort", bevor sie im dräuenden Love-Parade-Trauermarsch "Duisburg" emotionslos längst entwertete Worthülsen wie "One world one future" deklamiert. Wir fassen zusammen: Der Kiez: verraten und verkauft. Die Hauptstadt: öde wie nur was. Das Ruhrgebiet: Friedhof einer Jugendbewegung. Deutschland, bleiche Mutter.

Bei den Goldenen Zitronen fällt die Bestandsaufnahme dieser unwirtlichen Gegenwart jedoch musikalisch keineswegs freudlos aus. Im Gegenteil: Es funkt und klimpert, rockt und prollt auf ganzer Linie. Schon der Einstieg "Scheinwerfer und Lautsprecher" kulminiert in einem vielstimmigen Refrain, der sich immer noch über die Bespitzelung in sozialen Netzwerken und Online-Medien zu wundern scheint. Nun ja, Neuland halt. Julius Block alias Die-Sterne-Gitarrist Thomas Wenzel spielt sich dabei auf dem Klavier die Finger blutig, Ted Gaiers Gitarre irrlichtert roh durch die Post-Punk-Hybride "Der falsche Kuss" und "Typ, Lederjacke in der Ecke stehend". Und auch das "Europa" der Hamburger ist mehrheitlich eines, in dem sich Baumärkte zum Sterben in die Berge zurückziehen. "In Cluj, in Hoyerswerda." Kurztrip, irgendjemand? Dann nicht. Hätte ja mal sein können.

Erst nachdem der Ivorer Gadoukou La Star beim aggressiven Electro-Rap "Ma place" am Mikro ordentlich ausgetickt ist, kommt ein wenig Ruhe in die Veranstaltung. Schorsch Kameruns sprachlich umgestülpte Selbstbeschau "Ich verblühe" und Gustav als Ruferin in der Synthie-Wüste von "Wer hier" zählen zwar nicht zu den stärksten Momenten – Hits können Die Goldenen Zitronen trotzdem immer noch zur Genüge schreiben. Das beweist gerade die erste Hälfte von "Who's bad?", wenn man sich nicht allzu schnell nerven lässt. Und wer eine Stunde durchhält, bekommt mit "Rittergefühle" sogar einen luftigen Krautrocker inklusive Zitat aus Abwärts' "Computerstaat" obendrauf – über 30 Jahre danach aktuell wie nie. Abschließende Frage: "Ist das noch St. Pauli / Oder ist das schon Promo?" Das ist vor allem ein großartiges Album. Bad, badder, Die Goldenen Zitronen.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Scheinwerfer und Lautsprecher
  • Der Investor
  • Typ, Lederjacke, in der Ecke stehend
  • Echohäuser
  • Rittergefühle

Tracklist

  1. Scheinwerfer und Lautsprecher
  2. Der falsche Kuss
  3. Der Investor
  4. Typ, Lederjacke, in der Ecke stehend
  5. Europa
  6. Echohäuser
  7. Ma place
  8. Ich verblühe
  9. Unter der Fuchtel des Unterbewussten
  10. Ich habe das alles nur für Dich getan
  11. Duisburg
  12. Nachhall
  13. Rittergefühle
  14. Kaufleute 2.0.1
  15. Wer hier

Gesamtspielzeit: 64:21 min.

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