Basia Bulat - Tall tall shadow

Basia Bulat- Tall tall shadow

Secret City / Rough Trade
VÖ: 04.10.2013

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Und es war Herbst

Wer hätte damit gerechnet, dass Peter Maffay und die kanadische Folk-Fee Basia Bulat etwas miteinander verbindet? Und damit sind nicht etwa die osteuropäischen Wurzeln gemeint, die bei Maffay in Rumänien und bei Bulat in Polen liegen. Die junge Dame verfügt auch nicht über eine prominent positionierte Warze auf dem Antlitz. Es handelt sich tatsächlich um eine inhaltliche Gemeinsamkeit im musikalischen Schaffen der beiden. Nämlich um eine nahezu identische Albumbetitelung: 1988 veröffentlichte Maffay sein Werk "Lange Schatten", auf dem er Zeilen wie "Steht die Sonne tief / Wirft ein Zwerg auch lange Schatten" sang. Da war Bulat gerade vier Jahre alt. Mittlerweile ist sie 29 und bringt ihre dritte Studioplatte heraus, die übersetzt "Langer langer Schatten" heißt. Und ganz wie bei Maffay erzählt der Titeltrack "Tall tall shadow" eine Geschichte aus dem Schattenreich des Herzens.

"Be true or be gone / You're only fooling yourself", verkündet Bulat in besagtem Lied mit fester Stimme zu Fender-Rhodes-Klängen, denen der Rhythmus ganz dicht auf den Fersen ist - in Schuhen, die aus dem Nachlass von Dusty Springfield stammen könnten. Die Kanadierin singt mit einer erstaunlichen Intonation, die irgendwo zwischen Gospel und Soul liegt. Manchmal scheint sie in ihrer Klarheit aber auch direkt aus Joni Mitchells Frühwerk zu kommen, wie etwa in "Five, four", das als melancholische Folk-Miniatur beginnt und sich mit entschlossener Rhythmik und beschwörerischem Harmoniegesang langsam steigert. Das Ziel von "Promise not to think about love" ist hingegen schon von Anfang an klar: Es ist die unmissverständlichste Pop-Nummer, die Bulat je komponiert hat. Das Arrangement erinnert mit seinem weltmusikalisch anmutenden Groove an Emiliana Torrini, die Stimme genehmigt sich eine doppelte Portion Hall, und nebenbei gibt es noch einen Auftritt des zitherähnlichen Pianoettes.

Bulat hat noch mehr exotische Instrumente parat: zum Beispiel das Charango, eine südamerikanische, zehnsaitige Ukulele, die "It can't be you" ganz alleine begleitet. Kaum zu glauben, dass bei diesem Zupf-Ereignis tatsächlich nur zehn Finger im Spiel sein sollen. Kein Zweifel besteht wiederum daran, dass es trotz aller instrumentalen Versiertheit vor allem die Stimme der Kanadierin ist, die nachhaltig betört - solo wie auch in harmonisch reizvoll vervielfältigter Form. Es verwundert also kein bisschen, dass sie bereits Konzerte für Nick Cave, Neil Young, Arcade Fire und Andrew Bird eröffnen durfte. Auf ihrem dritten Album wagt sie nun auch Ausflüge in bislang von ihr noch nicht erschlossene, dezent elektronische Gefilde. Nicht, dass Bulat bei ihrem offensichtlichen Talent auch nur ansatzweise auf clevere Schachzüge gewiefter Produzenten angewiesen wäre, aber es muss auch nicht unerwähnt bleiben, dass "Tall tall shadow" unter der Regie von Arcade-Fire-Saitenmann Tim Kingsbury und dem Grammy-prämierten Mark Lawson aufgenommen wurde.

Im Gegensatz zum spartanisch ausgestatteten "It can't be you", präsentiert "Wires" sich als die am üppigsten arrangierte Komposition der Platte: Gleich zu Beginn wird ein opulent ornamentierter Orgelteppich ausgerollt und darauf äußerst sympathischer Pop drapiert. "The city with no rivers" und "Someone" hingegen haben in ihrer sphärischen Introvertiertheit und herbstfarbenen Verhuschtheit durchaus etwas Meditatives. Ohnehin ist die zweite Albumhälfte die Ruhezone dieses Werkes, die zwar immer noch auf memorable Melodien, aber noch mehr auf das Aquarellieren von Atmosphäre setzt, mitunter auch in Zeitlupe. "Never let me go" erweist sich als der erhabene Höhepunkt der Entschleunigung und entwickelt eine beinahe hypnotische Hymnik. Im sanften "Paris or Amsterdam" spielt Bulat einmal mehr ihre mit Vorliebe eingesetzte Autoharp, und das abschließende "From now on" beschränkt sich in ganz entzückender Weise nur auf Klavier und Stimme. Und nach knapp 35 Minuten steht eindrucksvoll fest: Dieser lange Schatten kommt keineswegs von einem Zwerg.

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • Tall tall shadow
  • Promise not to think about love
  • Wires
  • Never let me go

Tracklist

  1. Tall tall shadow
  2. Five, four
  3. Promise not to think about love
  4. It can't be you
  5. Wires
  6. The city with no rivers
  7. Someone
  8. Paris or Amsterdam
  9. Never let me go
  10. From now on

Gesamtspielzeit: 34:20 min.

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