East Cameron Folkcore - For sale

East Cameron Folkcore- For sale

Grand Hotel van Cleef / Indigo
VÖ: 13.09.2013

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Alle Räder stehen still, wenn Dein starker Arm es will

Dass das Label Grand Hotel van Cleef das neueste Album der elf Texaner East Cameron Folkcore kurz vor der hiesigen Bundestagswahl in Deutschland in die Regale gestellt hat, ist vielleicht Kalkül. Dennoch greift dieser Gedanke viel zu kurz, denn auf "For sale" packen East Cameron Folkcore nicht nur beherzt in die Saiten und zum Mikrofonständer, sondern langen auch kräftig ins Herz des kapitalistischen Räderwerks; werfen ihm dazu auch noch brachial den Knüppel ins Getriebe. Würde die vielstimmige Bezugsgruppe ein Demo-Banner vor sich hertragen, würde darauf wohl ein "Unser Problem: unsere Verhältnisse" stehen. Klar und deutlich. Stimmgewalt ist in jedem Falle genügend vorhanden, um noch jede Polizeisperre zu durchbrechen.

Seite an Seite könnten East Cameron Folkcore wohl auch den verstorbenen, US-amerikanischen Bürgerrechtler Mario Savio wissen, dessen markige Rede "For sale" eröffnet und für den Kampf gegen das System einschwört. Keinen Deut weniger schonungslos steigen dann schon die großen Umverteiler in "Robin Hoods (Rise)", ihrem stärksten Pfund, ein. Und "She lost her house years ago" und "We say: no more sleeping in the alleys" wird so unüberhörbar intoniert, dass Kleinschreibung diesen Zeilen nun wirklich nicht mehr gerecht wird. Aber auch Drums, Banjo, Cello, Mandoline, Bass und Gitarre, Gitarre, Gitarre stehen dem in voller Lautstärke in nichts nach und erklären eindrücklich, was hier mit "Folkcore" gemeint ist.

Eine Pause davon ist auch in den folgenden 40 Minuten kaum drin. Wieso sollte es diese aber auch geben, wenn man sich jenen "Folkcore"-Term schon auf den Bandleib schreibt und es die eine oder andere Obrigkeit zu zerwüten gilt? "Worst enemy" benutzt zunächst einen militaristisch anmutenden Trommelwirbel, bevor sich das Stück dichter und dichter zusammenbraut und sich erneut inbrünstig als Punk-/Hardcore-/Grunge-Bastard mit Folk-Ahnenlinie und ausgewachsenem Gitarrensolo losschlägt. Und auch der Weg zu "Sallie-Mae, Sallie-Mae / Why do you treat me this way? / I ain't got your money, honey" ist ähnlich mitreißend, bedenkt aber keine Verflossene, sondern das amerikanische Kreditsystem für Studierende. Im faustballenden "Enemy of the times" ist es dann endgültig um die hauptamtliche Kratzbürsten-Stimme Jesse Moores geschehen, als alles um ihn herum im Orkan einer Collage aus Redefragmenten zu brechen droht und nur noch wildes Umsich-Treten des Kollektivs als ein Ausweg erscheint. Lediglich "Don't choke" gibt sich mit seinem Posauneneinsatz und den fast schon sirenenhaften Frauenchören eine zurückgelehntere Memphis-Stimmung, und zumindest der Beginn von "Chasing the devil" ist vor allem durch die tiefen Cello-Striche beruhigt. Als in "Director's cut" dann aber schließlich "So I hope you know we're all going to hell / If in fact we're not already there" attestiert wird, steht unüberwindlich fest: Protestlieder hätten auch von einer Kneipe voller englischer, zähnefletschender Jung-Hooligans nicht besser wieder ins Scheinwerferlicht gezogen werden können. Ob dies alles dazu führen wird, dass auch bald auf deutschen Straßen flächendeckend der Widerstand Einzug hält, ist wohl nicht zu erwarten. Die systemische Dringlichkeit ist noch nicht groß genug. Eine weitere Lunte wird mit "For sale" aber sicherlich angesteckt.

(Andreas Menzel)

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Highlights

  • Robin Hoods (Rise)
  • Sallie-Mae
  • Enemy of the times

Tracklist

  1. Robin Hoods (Rise)
  2. Humble pie
  3. Chasing the devil
  4. Salinger is dead
  5. Worst enemy
  6. Don't choke
  7. Ophelia
  8. Sallie-Mae
  9. Enemy of the times
  10. Director's cut

Gesamtspielzeit: 46:28 min.

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