Avicii - True

Avicii- True

PM:AM / Universal
VÖ: 13.09.2013

Unsere Bewertung: 4/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Cave rave

War das ein Aufstand! Da hat der feine Herr Avicii sich doch tatsächlich die Frechheit erlaubt, während seines Konzerts auf der Hauptbühne (!) des renommierten (!) Ultra Music Festivals, Miamis Mekka für elektronische Tanzmusik von Skrillex bis David Guetta, den EDM-Fremdling Aloe Blacc auf die Bühne zu holen. Und damit nicht genug: Dieser verrückte Schwede schien es auch noch für nötig zu halten, seine Synthie-Krawall-Beats mit Einflüssen aus Country und Folk zu vermischen, ach was, zu verunstalten! Darauf erst mal 'ne bunte Pille reinschmeißen. Aber mal im Ernst: Was da teilweise an Reaktionen von den 21st-Century-Rave-Fans kam, zeugt nicht gerade von Offenheit in der Szene. Wer auf der Forbes-Liste der bestverdienenden DJs der Welt steht, kann es sich scheinbar nicht mehr erlauben, aus dem aus Boxentürmen gezimmerten Rahmen zu fallen. Gut gemacht, Avicii! Zumindest bis hierher.

So richtig weltrettermäßig fällt das Ganze dann natürlich doch nicht aus. Weder die derzeit omnipräsente Aloe-Blacc-Kollaboration in der X-fach-Platin-Single "Wake me up", noch das zugehörige Debütalbum von Tim Bergling alias Avicii erfinden das Rad oder wenigstens den Bassregler neu. "True" klingt, als würden besagte Headliner aus Miami versuchen, Mumford & Sons nachzuspielen und sich für mehr Authentizität die eine oder andere soulige Stimme dazukaufen. Ganz besonders nach besagter Folkpop-Band klingt die eigentlich zahme, aber viel zu penetrante Vier-Viertel-Bassdrum, die beim Mitklatschen während der akustischen Parts helfen und schon mal mit dem Zaunpfahl der ausgelassenen Feierei winken darf.

Wenn Gitarre oder Klavier schließlich lange genug am Ausrasten gehindert haben, steuern die Songs auf ihre synthetischen Höhepunkte in den Refrains zu - und eigentlich müsste ein Gähnen durchs Publikum gehen. Dieser Quasi-Neo-Eurodance, diese Atzen-Schulparty-Synthesizer, diese Ballermann-Dramaturgie, ist das denn nötig? Schon klar, bei Avicii bleibt das alles in genießbaren Portionen, und die Idee, sich dieses ausgelutschten Allerweltselectros mal von andere Seite anzunehmen, ist auch gar nicht schlecht. Das Konzept scheitert aber zumeist daran, dass jene euphorisch schwabbelnde Dance-Masse früher oder später doch wieder alles andere zukleistert und die Singer-Songwriter-Ansätze schneller vergessen macht als H. P. Baxxter "Hyper hyper" sagen kann.

Betrachtet man Aviciis Kollegen in der Forbes-Liste, scheint vor allem jene flache Rüpel-Attitüde zum Sprung unter die Bestverdiener geführt zu haben. Da darf man dem 24-jährigen schon anrechnen, dass er überhaupt konsequent zweigleisig fährt. Und manchmal funktioniert das auch richtig gut: In "Addicted to you" beispielsweise, wo Singer-Songwriterin Audra Mae nach und nach in ein tanzbares Electro-Swing-Kostüm gesteckt wird, das ausnahmsweise angenehm reduziert bleibt. Die selbe Dame schaut in "Shame on me" nochmals vorbei, das in ähnliche Richtungen spielt, nur leider in etwas zu exzessivem Vocoder-Einsatz ersäuft. Das dürfen nur Daft Punk ungestraft. Sieht man mal von dem lächerlich unwürdigen Antony-&-The-Johnsons-Cover "Hope there's someone" ab, kommt "True" aber ohne wirklich große Ausrutscher aus. Noch einen "Wake me up"-Hit hat Avicii zwar auch nicht parat, aber zumindest schafft er es, für ein wenig Erfrischung in der angestaubten Stadion-EDM-Landschaft zu sorgen. Miami soll sich mal nicht in die Hose machen.

(Konrad Spremberg)

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Highlights

  • Addicted to you

Tracklist

  1. Wake me up
  2. You make me
  3. Hey brother
  4. Addicted to you
  5. Dear boy
  6. Liar liar
  7. Shame on me
  8. Lay me down
  9. Hope there's someone
  10. Heart upon my sleeve

Gesamtspielzeit: 46:57 min.

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