The Weeknd - Kiss land

The Weeknd- Kiss land

Republic / Universal
VÖ: 06.09.2013

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Tour de Frau

"I went from starin' at the same four walls for 21 years / To seein' the whole world in just twelve months." Das Tourleben hat Abel Tesfaye verändert. Nicht in jeder Hinsicht vielleicht, noch immer scheint sich das Leben des Kanadiers vor allem um Sex und Drogen zu drehen. Aber er ist im Business angekommen, so richtig. Gefühlt von heute auf morgen, noch bevor er seine drei gefeierten Mixtapes von 2011 zu einer "Trilogy" zusammenfassen und physisch veröffentlichen konnte, ja noch bevor er überhaupt sein erstes Interview als The Weeknd gab, lief die Hypemaschine längst auf Hochtouren. Zu Recht - so innovativen, spannenden und vor allem zeitgemäßen R'n'B, dem diese Einordnung eigentlich kaum gerecht wird, hätte wohl bis heute niemand mehr gezaubert, hätte Frank Ocean nicht "Channel Orange" eingeschaltet.

Für Tesfaye, der wegen seiner Musik nach 21 Lebensjahren zum ersten Mal die Heimat Toronto verließ, muss die erste Welttournee ein mittelgroßer Schock gewesen sein. Da liegt es nahe, jene Erfahrung zum roten Faden des Major-Debüts zu machen, auch wenn dieser größtenteils aus demselben Garn gewebt ist, in das auch schon "Trilogy" gewickelt war: Frauen, ungehämmter Drogenkonsum, Partyleben. Noch immer verherrlicht Tesfaye diese Themen nicht, beleuchtet Schattenseiten, wird nicht selten sogar selbstkritisch. Die weite Welt bietet aber schlicht noch wesentlich mehr Frauen, Drogen und Partys als Toronto und mindestens genauso viele Gründe, die physische und moralische Selbstzerstörung zu rechtfertigen.

"Kiss land" heißt diese Welt und Tesfaye weiß, dass sie von Grund auf schlecht ist. Um der omnipräsenten Sexualität direkt jegliche Romantik zu nehmen, stellt er im Titelsong fest, dass gefühlvolles Küssen im 21. Jahrhundert viel intimer als bloßer Geschlechtsverkehr geworden ist, dem ganzen Sex-Ding längst die Emotionen fehlen. Trotzdem möchte er nicht zuletzt aufgrund der Länge seines Gemächts bewundert werden und legt seinen unermesslichen Reichtum am liebsten in Drogen an, die eine Nacht Backstage mit Groupies noch intensiver machen sollen. Sex, Drugs, R'n'B. Mit welchem Typ Frau sich Tesfaye bevorzugt abgibt, stellt zu Beginn "Professional" vor, das Emikas "Professional loving" sampelt. Die Protagonistin, die exemplarisch für die meisten Frauen steht, um die es auf "Kiss land" geht (und das sind einige), verdient ihr Geld damit, mit Männern ins Bett zu steigen. In diesem Leben ist sie gefangen, so sehr, dass sie ihre Profession nicht ablegen könnte, selbst wenn sie wollte. Tesfaye empfindet dafür durchaus Mitleid, suggeriert in "The town" sogar so etwas wie Fürsorge, handelt letztendlich aber doch nur aus Eigennutz.

Aus dem etwas monothematischen Einerlei der Texte auf "Kiss land" bricht "Belong to the world" auf erfrischende Weise aus und dreht den Spieß gekonnt um. Mit Portisheads "Machine gun" im Rücken begegnet Tesfaye einer Dame, die wie üblich vor allem auf pralle Brieftaschen fixiert ist - für den Kanadier das Normalste der Welt. Aber diese Frau hat es ihm angetan, er bricht mit seinem Lebensstil und verliebt sich, obwohl er gewöhnlich sehr darum bemüht ist, dass seine Sexpartnerinnen keine Gefühle für ihn entwickeln. Letztendlich mag er an ihr, dass sie ausgerechnet genauso ist wie er: "I'm not a fool / I just love that you're dead inside / I'm not a fool / I'm just lifeless too." Auch diese besondere Frau soll am Rande immer wieder auftauchen auf "Kiss land". Aber sie gehört der Welt, zumindest dem zahlungskräftigen Teil.

Dass Tesfaye auch in den textlich flacheren Stücken noch mehr liefert als billige Selbstbeweihräucherung, wird besonders deutlich, wenn Kollege Drake in "Live for" eben jene ganz unverblühmt zelebriert. Dass der hier auftaucht, ergibt aber natürlich trotzdem Sinn: Er war es, der den Hype um The Weeknd mit einem Post auf Twitter lostrat. Knapp drei Jahre später wird "Kiss land" bei Weitem nicht so einschlagen wie die ersten Mixtapes, obwohl es zweifelsohne ein gutes Album ist. Neben den häufig beschränkten Texten fehlt musikalisch vor allem die auf den Punkt gebrachte Atmosphäre, die besonders "House of balloons" auszeichnete. Der "Horror-Film", den Tesfaye mit dieser Platte erschaffen wollte, gerät oft nicht gruselig genug. Während er sich durch die halbe Welt vögelt, erlebt der 23-Jährige aber Höhepunkte, die für die meisten Durststrecken großzügig entschädigen. "Kiss land" klingt genauso eindeutig nach The Weeknd wie es sich von "Trilogy" abzugrenzen vermag. Die Rufe nach einem neuen Michael Jackson werden vielleicht erst einmal verebben, aber Tesfaye dürfte noch einiges auf Lager haben. Und Moonwalk kaum nötig.

(Konrad Spremberg)

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Highlights

  • Professional
  • Belong to the world
  • Kiss land

Tracklist

  1. Professional
  2. The town
  3. Adaptation
  4. Love in the sky
  5. Belong to the world
  6. Live for (feat. Drake)
  7. Wanderlust
  8. Kiss land
  9. Pretty
  10. Tears in the rain

Gesamtspielzeit: 55:41 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Eva
2013-09-09 11:29:47 Uhr
Wieder so ein Depri-Mist für Besser-Indies.

Demon Cleaner

Postings: 5648

Registriert seit 15.05.2013

2013-09-09 11:03:42 Uhr
Hm...am besten noch mal die "House Of Balloons" hören, mit Abstand die beste. Da sind "What You Want" (nur echt mit dem Aaliyah-Sample, also nicht die Version der "Trilogy"-Compilation), "House Of Balloons / Glass Table Girls" und "Coming Down" vielleicht ganz gut.
Am besten aber am Stück hören. Funktioniert auch nur in der richtigen Stimmung. So ab 4 Uhr morgens im Rausch auf dem Heimweg.

Eliminator Jr.

Postings: 682

Registriert seit 14.06.2013

2013-09-09 10:52:17 Uhr
Hab nie nen richtigen Einstieg in die drei Mixtapes gefunden. Da die wohl bedeutend besser waren als die Neue, werd ich's wohl links liegen lassen.
Demon Cleaner, drei Songs aus den drei Mixtapes zum noch mal hören!
Und.....los!

Demon Cleaner

Postings: 5648

Registriert seit 15.05.2013

2013-09-09 09:43:47 Uhr
Hat ja noch gar keinen eigenen Thread.

Scheint ja recht enttäuschend zu sein. Pitchfork gibt gerade mal 6.2, mir haben die bisher veröffentlichten Songs auch nicht so toll gefallen, wie die Sachen aus "Trilogy" bzw. besonders "House Of Balloons".
Zum kompletten Thread

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