Agnes Obel - Aventine

Agnes Obel- Aventine

PIAS / Rough Trade
VÖ: 27.09.2013

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Nur Fliegen ist schöner

I. Liebe Reisegruppe, bevor wir uns auf Frutti di mare, Spaghetti carbonara und einen schönen Vino rosso freuen, möchte ich Ihnen noch kurz den Monte Aventino, im Englischen "Mount Aventine", im Deutschen schlicht "Aventin" vorstellen. Das klingt ein bisschen nach Magenbitter? Ein Verdauungsschnäpschen brauchen Sie auch, wenn Sie sich mit seiner Geschichte befassen. Denn der am südlichsten gelegene der sieben Hügel Roms hat eine äußerst düstere Biografie. Der Legende nach kämpfte Remus auf dem Aventin gegen seinen Bruder Romulus um die Herrschaft der neugegründeten Stadt. Sie traten allerdings nicht mit Schwertern und Säbeln gegeneinander an, sondern duellierten sich im Rahmen einer Vogelschau. Remus verlor und wurde, nachdem Romulus ihn umgebracht hatte, schließlich sogar auf dem Monte Aventino begraben. In der Antike lebten dort die Armen, aber auch der Tempel der Mondgöttin Luna befand sich dort. Na, jetzt haben Sie aber richtig Appetit bekommen, oder?

II. Trude, wat jibt's 'n heute zu spachteln? Ma' wieda Buletten? Ick hör' hier schon den janzen Morjen der Kleenen von nebenan zu. Klavier spielt se, und singen tut se wie 'ne Nachtijall. Ick komm' ja in die Bredullje, wenn ick Englisch hör', wa, aber die trällert die janze Zeit schon A-ven-tine. Und ick weeß och, wo ick dit schon mal jehört hab. Im Aujust im Italien-Urlaub. Da hamwa doch die Besichtjung jemacht, bevor wa die leck'ren Spajetti Cabrio jejess'n ham. Und weeßte, wat der Postbote neulich erzählt hat? Die Kleene hat von ihrer ersten Schallplatte in janz Europa 450.000 Stück verkooft. Und in dem eenen Land fünffach Platin einjeheimst. Stell Dir dit ma' vor! Jebor'n isse in Dänemark, wie die Jitte Hænning. Aber jetze wohnt dit feenhafte Jeschöpf hier in Neukölln. Die is' doch herjezog'n, als ick dit 40-jährije Jubiläum an meener Arbeitsstelle hatte, dit war 2006. Ick muss ja jesteh'n dat ick lieber die Andrea Berg hör', aber dit is' schon nich' von schlechten Eltern, wat die Kleene da macht. Die spielt janz virtuell oder wie dit heißt. Ick meene: ausjesprochen jut. Dit is' manchma' fast wie klassische Musike. Dit schwebt so.

III. Werter Kollege Holtmann! "Philharmonics" wusste zu gefallen, nicht wahr? Agnes Obels neues Album "Aventine" beginnt, das scheint eine Tradition zu werden, mit einem kurzen Instrumentalstück. Erhaben, filigran pianiert und erwartungsfrohe Pupillenweitung auslösend. "Fuel to fire" folgt ohne Atempause mit einer meditativen Klavier-Choreografie und einem herrlichen Cello, das in einer nächtlichen Seenlandschaft würdevoll und vollmondbeschienen seine Kreise zieht. Diese Balance zwischen mystisch entrückter Tiefe und zarten musikalischen Intarsienarbeiten ist es, die dieses Werk so besonders macht. Nur Piano, Stimme und Streicher. Nils-Frahm-Kollaborateurin Anne Müller spielt meisterhaft Cello, und Mika Posen von Timber Timbre betört an Violine und Viola. Na gut, in "Pass them by" ist ausnahmsweise noch eine Gitarre dabei. Obel klingt zwar nicht mehr so verspielt wie in ihrem Hit "Just so", dafür aber hörbar gereift. Und sinnlicher. Die Single "The curse" wird von einer Schar kunstvoll miteinander verflochtener Streicher getragen und erlaubt der Dänin eine wahrhaft abenteuerliche Schleife in der Gesangsmelodie. Nur ganz kurz, aber mit beinahe beschwörerischer Wirkung.

Obel schreibt alle Lieder und Arrangements selbst und nimmt die Stücke auch noch selbst auf. Ihr zweites Album wurde in einem kleinen Raum eingespielt, und diese Nähe hört und spürt man. Gesanglich ist sie zumeist der melodischen Idylle verbunden, instrumental besitzt sie jedoch ein Faible für hypnotisch-repetitive Elemente, perkussive Arrangements ohne Percussion und außergewöhnlich kolorierte Klang-Muster. Das beinahe hingehauchte "Dorian" umweht eine bemerkenswerte Tiefenentspanntheit, die sich in jeder erdenklichen Traumphase eine sagenumwobene Mystik erhält - dem titelgebenden Mount Aventine in nichts nachstehend. Der gänzlich klavierfreie Titeltrack bezirzt mit Pizzicato-Streichern, die im Refrain von Müllers brokatschwerem Cello umrundet werden. Der Historie des besagten Hügels huldigend, scheint es sich mühelos in die Rolle kreisender Adler zu versetzen. "Run cried the crawling" und "Words are dead" geben sich, zumindest klanglich, unerwartet romantisch, einlullend, geradezu wattierend. Und man hört Obel sogar kurz ihre Roy-Orbison-Obsession an. Dass das etwas schleppende Finale "Smoke & mirrors" dem bereits optimal abspanntauglichen Instrumentalstück "Fivefold" nichts mehr hinzufügen kann - geschenkt. Die Schönheit des Restes ist schließlich über jeden Zweifel erhaben. Oder anders ausgedrückt: Wo geobelt wird, fallen Schwäne.

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • Fuel to fire
  • Run cried the crawling
  • The curse
  • Words are dead

Tracklist

  1. Chord left
  2. Fuel to fire
  3. Dorian
  4. Aventine
  5. Run cried the crawling
  6. Tokka
  7. The curse
  8. Pass them by
  9. Words are dead
  10. Fivefold
  11. Smoke & mirrors

Gesamtspielzeit: 41:01 min.

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