Factory Floor - Factory Floor

Factory Floor- Factory Floor

DFA / Cooperative / PIAS / Rough Trade
VÖ: 06.09.2013

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Auf der Abräumhalde

"Industrial music for industrial people" – so lautete einst das Motto der, richtig, Industrial-Gründerväter Throbbing Gristle. Und von diesen aus ist es nicht mehr weit zum britischen Trio Factory Floor, das die Industrie ja bereits im Namen trägt. Dessen Sängerin Nik Colk entwarf auf dem Album "Transverse" unlängst gar zusammen mit Chris Carter und Cosey Fanni Tutti von den inzwischen aufgelösten Veteranen roh scheppernde Klangbrachen. Trotz Fabrik-Image lief es bei Factory Floor jedoch nie wie vom Fließband: Eine Handvoll schmaler Veröffentlichungen zeugt angesichts der Gründung Mitte der nuller Jahre nicht gerade von überbordender Produktivität. Gemäß eigener Einschätzung sind sich Colk und ihre Kollegen Dominic Butler und Gabriel Gurnsey nämlich immer noch nicht hundertprozentig sicher, was sie da eigentlich machen. Man weiß nur, was sie bisher gemacht haben.

Mal maschinellen Post-Punk unter Reinraumbedingungen, der klang, als würden Joy Division und Liaisons Dangereuses in der Tiefsee spielen, mal rohe Synthie-Rocker, aus denen Colks Stimme wie der Geist einer körperlosen Nico aufstieg. Dazu gibt es nun noch jede Menge Dreiecke auf dem schreiend bunten Cover, um auch der neuen Rave-Generation einen Zugang zu legen. Da mag es kaum überraschen, wenn "Factory Floor" andere Baustellen bearbeitet als noch die Maxis "Bipolar" oder "Real love": Hier pumpen minimalistische Techno-Stahlgerüste und artifiziell reduzierte Dance-Echos aus den Achtzigern, die genauso Herbie Hancocks "Rockit" wie "Blue Monday" beleihen. New-Order-Drummer Stephen Morris, Freund und Förderer der Band, sagte einmal "unsettling disco" dazu – und hatte vollkommen Recht.

Und auch auf ihrem Debüt gehen Factory Floor in diesem Sinne zu Werke und verzichten auf Friedensangebote, harmonisches Brimborium und weitestgehend auch auf Songs. Die drei haben längst jedweden Zucker aus ihren hypnotischen Tracks gepresst und sie im Extremfall so konsequent trockengelegt, dass wie beim Opener "Turn it up" lediglich aus allen Studioecken klackernde, rumpelnde und klöppelnde Drumcomputer und Percussions übrigbleiben – nur gelegentlich beiläufig durchbrochen von absaufenden Stimm-Modulationen. Auch "Here again" brennt eisig vor Durchdrehsequenzen und querschießenden Laserattacken und ist von Colks Flüstereien kaum zu bändigen. Da kommt die erste von drei durchnummerierten Interludes gerade recht. Endlich Ruhe im Karton. Vorübergehend.

Schließlich warten noch die bis auf die Knochen blankpolierten neuen Versionen der großartigen Singles "Fall back" und "Two different ways" nebst weiteren eindrucksvollen Exemplaren kraftstrotzender Leichenblässe – für die heimische Stereoanlage ist dieses Album beinahe zu pur in seiner grimmigen Entschlossenheit. Auf Factory Floors allwissender Abraumhalde aber fühlen sich alle wohl: Berghain-Gänger und grell gestylte Witch-House-Kids, EBM-Hardliner und Cold-Waver. Auch wenn die zerspanten Gitarrenschlieren von "Three" kurz irritiert aufblicken lassen: ein nicht-elektronisches Instrument? Könnte diese Band am Ende auch ganz anders, wenn sie wollte? Durchaus. Doch im Moment will sie nicht, sondern trifft lieber mit dem wenigen, das sie an die Wand wirft, voll ins Schwarze. Renn oder vielmehr tanz, was Du kannst.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Here again
  • Fall back
  • Two different ways

Tracklist

  1. Turn it up
  2. Here again
  3. One
  4. Fall back
  5. Two
  6. How you say
  7. Two different ways
  8. Three
  9. Work out
  10. Breathe in

Gesamtspielzeit: 53:00 min.

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