Au Revoir Simone - Move in spectrums

Au Revoir Simone- Move in spectrums

Moshi Moshi / PIAS / Rough Trade
VÖ: 27.09.2013

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Jenseits des Jenseits

Tim Burton, der große Exzentriker des Regiestuhls, schuf 1985 in seinem ersten abendfüllenden Spielfilm "Pee-Wees irre Abenteuer", einer bekloppten Melange aus Slapstick, Kinderei und Bullshit, eine der rührendsten Abschieds-Szenen dieses mindestens ebenso verrückten Jahrzehnts der Menschheitsgeschichte. Der Protagonist Pee-Wee, auf einer odysseischen Suche nach seinem verlorenen Fahrrad, trifft irgendwo in den Tiefen der Vereinigten Staaten auf die französische Kellnerin Simone, die gerne in Paris leben würde. Nach selten bekloppten Irrungen und Wirrungen mit ihrem eifersüchtigen Freund steigt Simone in einen verranzten Bus und reist voller Hoffnungen in die unsichere Zukunft ihres kleinen Traums. Das Einzige, was dem Helden über die Lippen kommt, ist ein melancholisch gehauchtes "Au revoir Simone". Diese einfältige, aber tief empfundene Abschieds-Floskel wurde der Name einer aus New York stammenden Band, deren Mitgliederinnen Erika Foster, Annie Hart und Heather D'Angelo die darin transportierten Gefühle von Melancholie und Hoffnung als Leitstern nehmen, an dem orientiert sie ihre Odyssee nach der großen Pop-Umarmung innerhalb der weiten Musikwelt antreten.

Nach dem großartigen und bestechend schönen Vorgänger "Still night, still light", der außerweltliche Hits wie das überirdische "Knight of wands" einem größeren Publikum schmackhaft machte, werden auf dem mittlerweile vierten Langspieler des Damen-Trios vermehrt simplere – um nicht zu sagen indie-rockigere – Strukturen angepeilt, die aus den Ecken von Wave, Synthie und Ambient emporwachsen und die Kompositionsmuster mitbestimmen.

"More than" schlackert zwischen Synth-Math-Indie, geloopt, verträumt, in leichter Maschinenkühle in die Arme des offenen "The lead is galloping" mit verspieltem Dancefloor-Beat, der seine eigene Untanzbarkeit kaum versteckt. Die Keyboards flirpen und flirren, klackern und tackern und versetzen gute 30 Jahre in die Vergangenheit zurück. Verträumte "Ohh-ohh-ohh"s umspielen das komplette Oeuvre der Epoche und integrieren es in die 00er Jahre, als hätte Madonnas "Like a prayer" nie existiert. Reminiszenz auf Reminiszenz gestapelt, haken sich pochende Toms und verzwickte Placebo-Gitarren in die Arme und warten auf den Hüftschwung, der sich vermutlich nie einstellen wird, um im Ambient-Nebel von "We both know" über vertriebenen Tiny-Boys-Klängen geschichtet zu schwirren, die jenseits der hiesigen Hemisphäre das Blau des Planeten Erde von oben bewundern. Wer weiß, was hier gewusst werden soll. Egal, was es auch ist: Formschönheit ist das adäquate Wort für diese fünf Minuten Jenseits-Reise.

Mit "Just like a tree" fahren Au Revoir Simone elektronische Klänge zwischen Röyksopp, Gus Gus und Sigur Rós auf, die im Eighties-Synthie-Pop von "Somebody who" den Quasi-Zenit an Eklektizismus – im positiven Sinne – erreichen. Diese Höhe erklimmt dann "Gravitron", das klingt, wie anno Domini 2000 das Cover von Radioheads "Kid A" aussah. Mit einem Wort: Jenseits. Dieses erreicht "Boiling point" mit Enya-Klängen und düster-schwangerem Electro-Smog, ohne auch nur einen Fuß vom Boden zu nehmen.

Herbstklavier und Engelsgesang begleiten "Love you don't love me" in den Over-the-top-Abgesang "Let the night win", in dem noch einmal alle Tastatur-Klänge der letzten drei Jahrzehnte zum Einsatz kommen. Unter all dem jedoch steckt der einsame Kern von Abschied, Melancholie und Hoffnung. Pee-Wee Herman und Tim Burton wären stolz auf diese Mädels. Bis zum nächsten Abschied, Simone.

(Peter Somogyi)

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Highlights

  • More than
  • Crazy
  • Gravitron

Tracklist

  1. More than
  2. The lead is galloping
  3. Crazy
  4. We both know
  5. Just like a tree
  6. Somebody who
  7. Gravitron
  8. Boiling point
  9. Love you don't love me
  10. Hand over hand
  11. Let the night win

Gesamtspielzeit: 44:21 min.

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