Tonia Reeh - Fight of the stupid

Tonia Reeh- Fight of the stupid

Clouds Hill / Rough Trade
VÖ: 06.09.2013

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Bildnis der Wildnis

Noch vor dem ersten Ton stellt sich eine Frage: Warum hat sich Michelangelos David als Detlev Buck getarnt, um offensichtlich den Wilhelm Tell in der Fortsetzung von "Dumm & Dümmer" zu spielen? Handelte es sich dabei um ein Filmplakat oder den visuellen Hinweis zu einer Theaterinszenierung, müsste man sich damit wohl einmal genauer beschäftigen. Aber nun ziert der nackte Mann mit Anti-Frisur und Apfel auf dem Kopf das Cover des zweiten Albums der Berlinerin Tonia Reeh, die manch einer noch von ihrem Elektro-Noise-Projekt Monotekktoni kennen könnte. Daneben prangt der Titel "Fight of the stupid" und verschriftlicht auf skurrile Weise auch den ersten optischen Eindruck.

Was sich dann auf der Platte entfaltet, hat mit Dummheit aber herzlich wenig gemeinsam. Zwar taucht im Titeltrack die Stromgitarre auf und gibt Noise-Feedback, zwar versucht eine imaginäre wie monströse Säge das Piano zu massakrieren, zwar zeugt Reehs vokale Darbietung von inneren Kämpfen – nur "dumm" will einem als Beschreibung des Gehörten wirklich nicht einfallen. Reeh hat sich gelöst von der elektronischen Bearbeitung ihrer Songs, nur hin und wieder funken einzelne Sequenzer oder effektfrequentierte Synthiestränge dazwischen. Sie ist nunmehr Songwriterin am Piano, so wie sie es einst in der klassischen Ausbildung erlernte. Wer nun aber an lieblichen Pop denkt, ist mächtig schief gewickelt.

"Fight of the stupid" schickt den Hörer auf eine Achterbahnfahrt. Mit Kotztüte – falls der Magen rebelliert bei den zahlreichen Wendungen innerhalb der Songs, so wie es "Cancer dancer" vorlebt. Dabei fängt alles harmlos an. Eine fein gestrickte Pianomelodie begrüßt "Small trees and huge birds", und angeschlagen singt Reeh unterstützt von einer zweiten Stimme: "As long as I can cry there will be one day I will laugh at you." Allmählich aber verfinstert sich die Kulisse und im Hintergrund fliegt ein Geist umher, der dringend mal geölt gehört.

Im folgenden "Non believer" packt Reeh der Wahn: "Too late for therapy, not too late for surgery." Dem forschen Piano schließen sich Rhythmussektion sowie schräg gestopfte Bläser an, und Reeh keift, schreit, faucht und rüpelt, dass es eine Wonne ist. Dieses hemmungslose vokale Loslassen wäre sicherlich auch PJ Harvey und Amanda Palmer einen mehr als anerkennenden Beifall wert. Kontrastierend dazu berichtet die Berlinerin in "The defeated woman" vom Scheitern in der Mutterrolle, ehe sie unter den Molltönen von "Stolen" preisgibt: "My child's crying at my breast, but there's no heartbeat in my chest." Eine Schwere, die dem Blues von "Hellhound" nicht fremd ist, dem poppigen Uptempo-Abschluss "The accused" hingegen schon. Denkt bei Reeh also künftig nicht mehr an Bambi – es hätte den Kampf der Dummen ohnehin nicht überlebt.

(Stephan Müller)

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Highlights

  • Non believer
  • Stolen
  • Cancer dancer
  • The accused

Tracklist

  1. Small trees and huge birds
  2. Non believer
  3. Day of greed
  4. Blues for the devil
  5. Madame et messieurs
  6. The defeated woman
  7. Fight of the stupid
  8. Stolen
  9. Cancer dancer
  10. Hellhound
  11. The accused

Gesamtspielzeit: 40:08 min.

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