Tocotronic - Tocotronic

Tocotronic- Tocotronic

L'Age D'Or / Zomba
VÖ: 10.06.2002

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Über den Dingen

Im Nachhinein wird wieder fleißig relativiert. Teil einer Jugendbewegung wollte man nie sein, Michael Ende trifft keinerlei Schuld, der Abgrund ist mehr als nur drei Schritte entfernt, Tennis war irgendwie schon immer langweilig, und Team Dresch werden seit jeher kräftig überbewertet. Nichts ist mehr so heiß, wie es seinerzeit gekocht wurde. Verständlich. Denn wo die Kunst über die Plakativität triumphiert und eine rätselhafte Aura über den Dingen liegt, ist kein Raum mehr für plumpe Parolen. Wieso ungelenk in Worte fassen, anstatt einfach laut zu denken? Wieso mit dem Kopf durch die Wand, wenn sich auch irgendwo eine Tür verbergen könnte? Wieso einfach, wenn es auch kompliziert geht?

Nach der verlorenen Zeit entlassen Tocotronic die juvenile Phrasendreschmaschine in den verdienten Ruhestand und bemühen Freud und Leid. Psychologie und Leben. Philosophie und die unerträgliche Schwere des Seins. "Für alle, die es wissen wollen / Hier ist der Beweis / Diese jungen Männer hier sind anders / Wie man weiß", werden eifrig letzte Zweifel ausradiert. "Neues vom Trickser" gibt es zu hören, "der einen Top-Job macht / Als ein Übersetzer zwischen Tag und Nacht". Arne Zank, Dirk von Lowzow und Jan Müller fühlen sich wohl im Zwielicht. Im Halbdunkel des Daseins, umnachtet von einem Überfluß an schlauen Gedanken. "Wir sind wie die Älteren / Nur viel schlimmer". Sie wollen uns erzählen, diesmal wirklich. Von ihren Hirnen. Von der Relevanz der Dinge. Und insgesamt auch eine ganze Menge Bahnhof.

Mit ihrem selbstbetitelten Neuanfang denken Tocotronic zielsicher jenes Hirngespinst zuende, das schon seit "K.O.O.K." in ihren Köpfen herumspukt. Einige Ideen kommen erst nach sieben Minuten aus der Schraubzwinge, ausgepreßt bis auf den letzten Tropfen. "Hi Freaks" etwa läßt es einem mit störrischen, beinahe jazzigen Pianoakkorden schwindlig werden, bevor einen die im höchsten Maße zwingende Melodie in Hirnwindungen entführt, vor denen selbst The Notwist rechtzeitig die letzte Abfahrt genommen haben. Mit "Schatten werfen keine Schatten" suhlen sich Tocotronic in sinniger Sinnentleertheit zu beschwingtem Getrommel, bis die Lider zu schunkeln beginnen. Und auch "Hier ist der Beweis" erweist sich als schweißtreibende Kopfgeburt, die indes mit einer Leichtigkeit vorangaloppiert, daß einem Hören oder zumindest wieder Sehen vergeht.

Das muß sie sein, die Magie, die aus dem Nichts kam. An Bäume gepinkelt und Reviere abgesteckt haben Tocotronic schließlich viel zu lange, heute entziehen sie sich jedweder Standortbestimmung und brechen mit ihrer Vergangenheit. "Dieser Ort war ohnehin / Im streng geographischen Sinn / Nicht existent", heißt es, und allmählich dämmert, was Kante mit "Zwischen den Orten" gemeint haben könnten. Bei Tocotronic ist es gar ein Versprechen: "Dort wo die Linien sich verwirren / Möchte ich Dich berühren". Sie verwirren. Und sie berühren.

"This boy is Tocotronic", die voranpreschende Vorabsingle, war also tatsächlich nichts als eine Finte. Ganz ohne sich die Füße am Pop naßzumachen, sind Tocotronic zum anderen Ufer gesprungen. Let there be rock? Woher denn. Maximale Coolness zählt nicht mehr. Es geht um Intimität. Wo einst die Bilder verwischt waren und die kunstvoll geschmirgelte Haarsträhne den tiefen Blick in die Augen verhinderte, sind jetzt Zeilen wie "Auf dem Weg näher zu Dir / Gehe ich durch eine Tür / Die den Umriß von uns beiden hat". Egal wie hoch die Wände sind, der Kopf wird einen Weg hindurch finden. So oder so.

(Armin Linder)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • This boy is Tocotronic
  • Hier ist der Beweis
  • Hi Freaks
  • Neues vom Trickser

Tracklist

  1. This boy is Tocotronic
  2. Alles wird in Flammen stehen
  3. Hier ist der Beweis
  4. Hi Freaks
  5. Führe mich sanft
  6. Free hospital
  7. Das böse Buch
  8. Näher zu Dir
  9. Schatten werfen keine Schatten
  10. Dringlichkeit besteht immer
  11. Wolke der Unwissenheit
  12. Drama
  13. Neues vom Trickser

Gesamtspielzeit: 65:53 min.

Threads im Plattentests.de-Forum