Bob Dylan - Another self portrait (1969-1971): The bootleg series Vol. 10

Bob Dylan- Another self portrait (1969-1971): The bootleg series Vol. 10

Columbia / Sony
VÖ: 23.08.2013

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Irre missverständlich

"What is this shit?", fragte der Kulturwissenschaftler Greil Marcus in seiner Besprechnung von Dylans "Self portrait" seinerzeit gequält. Der legendäre Verriss im Rolling Stone ist dabei nur eine der vielen verwirrenden Episoden, die sich um Dylans obskuren Langspieler ranken: Das nicht sonderlich gelungene, selbstgepinselte Selbstportrait auf dem Plattencover, Dylans seltsame Neuinterpretationen fremder Federn, die Entpolitisierung seiner Songs, die überorchestrierte Aufmachung oder auch Drafi Deutschers Version des Songs "Wigwam" aus der ZDF-Hitparade bilden den Stoff für weitere amüsante bis verwirrende Storys für die Ewigkeit. So mancher Kenner mutmaßte schon damals, Dylan hätte mit "Self portrait" – in einer Phase, in welcher dieser ohnehin die Öffentlichkeit scheute wie Katzen das Wasser – einzig versucht, die Krähen zu verscheuchen. "Wir veröffentlichten dieses Album, damit die Leute mich in Ruhe ließen", gestand His Bobness so zwanzig Jahre später. Und nun "Another self portrait", ein Raritätensammelsurium aus der Bootleg-Serie. Reicht es dem 72-Jährigen nun endgültig mit dem fremdverliehenen Ruhm?

Das Selbstporträt Dylans, welches nunmehr das Cover des zehnten Bootlegs schmückt, wirkt weniger fahrig als das einstige: Mit dunkleren Tönen und klareren Linien drückt es Dylans introvertierte bis zynische Verfassung der "Self portrait"-Phase weitaus besser aus, der rote Grundton zeigt Mut und Wille zur Veränderung des eigenen Daseins. Das Orchester hat sich zurückgezogen; Gitarre, Piano und Mundharmonika begleiten 35 ursprungsnahe Songs. Die Sommer-, Sonne-, Prärie- und Grasversionen von Folkklassikern wie "Railroad bill", "House carpenter" oder "Tattle o'day" offenbaren den kurativen Charakter von Dylans Rückzug in die Privatheit. Die Zufriedenheit mit dem Kleinen, das Dementi eines musikalischen Revolutionsführers – die Selbstfindung eines undurchschaubaren Generationendichters. Ein klassisches "Back to the roots", heilsam wie ein Aufenthalt im Luftkurort. "Die Rettung der Welt kann warten, rette zunächst Dich selbst", so oder so ähnlich wird der Barde sich das seinerzeit gedacht haben. Wäre "Self portrait" in der Postproduction in Nashville – ohne Dylans Anwesenheit – nicht derart verhunzt worden, vielleicht hätten die Kritiker anders reagiert.

"Another self portrait" zeigt eine Rückkehr Dylans zu den Wurzeln des Folks, hin zu der Quelle, die seine Inspiration einst entspringen ließ. Zwei Dylan-Klassiker kommen dabei besonders gut weg: "If not for you" wirkt belebter und belebender als in seiner bekanntesten Aufnahme. In dieser beschaulich zurechtgelegten Art im geringeren Tempo, dafür aber mit dem herzergreifendem Schmiss eines Liebenden versehen, begleitet von einer zauberhaften Geige und seiner freimütigen Pianoline, entfaltet sich das Stück ganz neu. Auch das berühmte "When I paint my masterpiece", das letzte Stück der Platte, zeigt sich andersartig und bedeutungserneuernd. Dylan allein am Klavier parliert über eine Liebschaft in Rom. Mit aus völliger Ruhe zündender Leidenschaft verführt der Song mehr denn je. Das Kolloseum erhält einen neuen Anstrich, die Tauben auf dem Petersplatz erscheinen weißer denn je, wenn Dylans Stimme so ehrlich krumm durch die Zeilen der Liebesnovelle schwebt. Das vielgescholtene "Wigwam" scheint ohne spanische Gitarre und überstrapazierte Trompetenfronten wesentlich wahrheitsgetreuer und zeichnet ein Bild der Friedlichkeit, ohne dem Kitsch zu verfallen.

Das zweite Selbstporträt ersetzt das erste freilich nicht, rundet es vielmehr ab und räumt mit Peinlichkeiten auf. Im Bild gesprochen hat der Künstler mit dem Pinsel ein paar Linien addiert, andere überstrichen und so ein Gesamtmeisterwerk geschaffen. Es war wohl der größte Fehler der Kritiker, Dylan durchschauen zu wollen, in seinem Schaffen einzig das tiefschichtige aufzudecken zu versuchen, einen Menschen als Instanz zu betrachten und nicht als bedürfnisvolles Lebewesen. So setzte Dylan mit "Self portrait" 1970 ein Ausrufezeichen hinter die eigene Menschlichkeit und wurde dabei missverstanden. Heute weiß man: Der Mann ist irre, irre missverständlich, aber gerade deshalb auch so irre gut. Dylans Existenz ist ganz und gar undurchdringlich, nur er selbst kann sie Stück für Stück aufschlüsseln, doch dies obliegt einzig und allein seinem Gusto. "Another self portrait" liefert das nächste Fragment der Aufschlüsslung. Im Übrigen scheint es nicht, als wolle sich Dylan in nächster Zeit wieder vom Acker machen. Der alternde Halbgott tourt weiterhin wie der Teufel. Sein Terminkalender ist auch für 2014 schon wieder gespickt von Konzerten rund um den Erdball.

(Pascal Bremmer)

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Highlights

  • Railroad Bill
  • Tattle o'day
  • If not for you
  • Wigwam
  • When I paint my masterpiece

Tracklist

  • CD 1
    1. Went to see the gypsy
    2. Little Sadie
    3. Pretty Saro
    4. Alberta #3
    5. Spanish is the loving tongue
    6. Annie's going to sing her song
    7. Time passes slowly #1
    8. Only a hobo
    9. Minstrel boy
    10. I threw it all away
    11. Railroad bill
    12. Thirsty boots
    13. This evening so soon
    14. These hands
    15. In search of little Sadie
    16. House carpenter
    17. All the tired horses
  • CD 2
    1. If not for you
    2. Wallflower
    3. Wigwam
    4. Days of '49
    5. Working on a guru
    6. Country pie
    7. I'll be your baby tonight
    8. Highway 61 revisited
    9. Copper kettle
    10. Bring me a little water
    11. Sign on the window
    12. Tattle o'day
    13. If dogs run free
    14. New morning
    15. Went to see the gypsy
    16. Belle isle
    17. Time passes slowly #2
    18. When I paint my masterpiece

Gesamtspielzeit: 53:29 min.

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