Julia Holter - Loud city song

Julia Holter- Loud city song

Domino / GoodToGo
VÖ: 16.08.2013

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Licht ins Dunkel

Viel feuilletonistisches Lob war ihr vergönnt und vielleicht ist ihre Person auch ein Paradebeispiel für das Etikett "Kritikerliebling": Die 28-jährige Amerikanerin Julia Holter gilt derzeit als die popmusikalische Wunderdame schlechthin, wobei ihre Musik natürlich vieles vereint, was den Pop-Kontext gemeinhin sprengt. Ihre Songs atmen Ambient, sie verknüpfen Field Recordings mit unwirklichen, fast transzendentalen Melodien und thematisierten auf den letzten beiden Platten "Tragedy" und "Ekstasis" Mythen aus dem antiken Griechenland. Das klingt mitunter nach schwerer Kost, was allerdings ein fundamentaler Trugschluss ist. Die Kunst Holters liegt genau darin, diese vermeintliche Schwere in Leichtigkeit zu verwandeln und Stücke und Alben zu komponieren, die den Hörer in ein seidenes Tuch aus Anspruch und Kunstfertigkeit wickeln, ohne dass sich dieser dabei unwohl fühlt.

Nun, gerade einmal 18 Monate nach dem letzten Album, veröffentlicht Holter ihre dritte Platte. "Loud city song" verabschiedet sich aus der archaischen Zeit und setzt den Fokus auf das anonyme, geisterhafte Leben in den Millionenmetropolen Los Angeles und Paris, wo die Menschen in der gesichtslosen Masse unsichtbar werden. Holter nimmt diese Situation jedoch nicht zum Anlass für schwermütige Klagelieder, nein, ganz im Gegenteil: Ihr gefällt der Gedanke, sich anonym bewegen zu können, Teil eines postmodernen Leviathans zu sein - "Loud city song" kündet davon auf beeindruckende Art und Weise. Bereits im zwischen Finsternis und erleuchtetem Delirium pendelden Opener "World" wird die ganze Kunst Holters offengelegt: Ihre Vocals sind entrückte, fragile Bruchstücke, die einen ungefähren Ort skizzieren, während sich das Instrumental-Arrangement im Unkonkreten bewegt und sich Melodie-Momente eher zufällig ergeben.

Besonders dramatisch ist dann der hektische Bläserbeginn des neurotischen "Horns surrounding me" — Julia Holter verbindet Jazz-Elemente mit John-Maus-Synthies und erschafft in der Folge einen wahren Moment der Einzigartigkeit, der sich vielleicht nicht zwangsläufig umweglos erschlieflen lässt. Auch das folgende "In the green wild" erfreut sich eines gewissen Jazz-Moves, denn der Bass tänzelt so nervös umher, wie er es sonst nur im Freispiel kurz vor dem Ausbruch tut. In den besten Momenten gelingt es Holter sämtliche Anstrengung — die man ihr manchmal doch in Nuancen anmerkt — fallen zu lassen. "Hello stranger" stellt so beispielsweise eine besonders elaborierte Dreampop-Version dar, von der selbst Beach House nicht zu träumen wagen. "Maxim's II" hingegen klingt wie ein verspulter Ausflug in ein paralleles, leicht verwunschenes Wunderland, von dem Alice weit, weit entfernt ist. Holter dekonstruiert in diesem Song sämtliche Stilrichtungen und setzt sie zu einem ureigenen Patchwork neu zusammen. Diese Lust am Entdecken, am Abstrahieren und Formieren lässt Holter wie ein Lichtlein im finsteren Wald der popkulturellen Referenzhölle aussehen. Aus dieser Position heraus wird sie die Massen nie begeistern können, aber das dürfte Julia Holter herzlich egal sein.

(Kevin Holtmann)

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Highlights

  • Horns surrounding me
  • Hello stranger
  • This is a true heart

Tracklist

  1. World
  2. Maxim's I
  3. Horns surrounding me
  4. In the green wild
  5. Hello stranger
  6. Maxim's II
  7. He's running through my eyes
  8. This is a true heart
  9. City appearing

Gesamtspielzeit: 44:40 min.

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saihttam

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Registriert seit 15.06.2013

2014-08-01 02:13:50 Uhr
Es gibt zwar im Ekstasis-Thread schon was zu dem Album, trotzdem finde ich, dass es genug tolle Momente hat, um sich eine eigenen Thread zu verdienen. Ich finde sie in ihrem Sounddesign schon relativ einzigartig. Gerade wie auf diesem Album Ambient-artigere Songs mit griffigeren vermengt sind. Dazu noch sehr interessante Ansätze wie der von "Horns Surrounding Me", bei dem man sich quasi selbst wie im Wahn fühlt. Gehört gehört!
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