Neko Case - The worse things get, the harder I fight, the harder I fight, the more I love you

Neko Case- The worse things get, the harder I fight, the harder I fight, the more I love you

Anti / Indigo
VÖ: 30.08.2013

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Bauteillager Frau

"I'm a man, that's what you raised me to be / I'm not your identity crisis, this was planned", singt die grammygewichtige Neko Case in der als Schmährede gegen das männliche Geschlecht konzipierten Vorabsingle "Man". Männlichkeiten sind auch nur kulturelle Fabrikate. "And if I'm dipshit drunk on the pink perfume, I am the man in the fucking moon 'cause you didn't know what a man was until I showed you", bollert sie zu den sonnenkrossen Uptempo-Schrammelgitarren von M. Ward. Wieder kommt der Fall von männlicher Kraftmeierei innerhalb des Geschlechterverhältnisses in den Untersuchungsbereich der musikalischen Gender-Polizei. "A woman's heart it's the watermark of which I measure everything", persifliert die Amerikanerin selbstbewusst den Schauplatz des leerlaufenden maskulinen Begehrens: Das Herz der Angebeteten als Messlatte männlicher Werthaftigkeit. Wer braucht das noch? Das Patriarchat ist heute ohnehin etwas für Omas. Das Bauteillager "Mann" unterzieht Case mit zwölf Songs zwischen Low-Fi-Rock, Country und Kammerpop im Alternativmodus einer besonders kritischen Betrachtung.

Mit dem Finger ständig auf das andere Geschlecht zu zeigen, ist aber ordinär. Wichtig ist eine Portion Selbstreflexion. Im Akt des Nachdenkens über Gott und die Welt zerlegt Case auch ihre eigene Person in alle Einzelteile. Im sanften, vernebelten Pop von "Wild creatures" bekennt sie, lieber König als Untertan sein zu wollen, auch wenn dies Einsamkeit und Neid nach sich zieht. Dramatische Klavierwirbel, die in ihrer Drastik beinahe an das Stakkatohafte eines Rachmaninow gemahnen, unterstreichen das Bekenntnis, das schließlich in der Schlusszeile "There's no mother's hand to quiet me" gipfelt. Schwer wiegt des Königs Haupt, welches die Krone trägt. Der großartige Country-Soul von "Night still comes" offenbart dagegen die unter der Maske des sperrigen Albumtitels verborgenen Selbstzweifel. Was geschieht, wenn Frau sich selbst im Wege ist? "My brain makes drugs that keep me slow." Und Sternschnuppen lassen ich auch nicht ewig halten.

"From nowhere" reduziert jeglichen instrumentalen Ballast auf Gitarre und Cases elegische Stimme, dessen Ruhe "Bracing for sunday" mit krachlederner Bläserunterstützung zunichte macht. Doch der unkonventionelle Chor, der in seliger Ruhe die Antwort einer Mutter an ihre Tochter bei einer Bushaltestelle anstimmt, zieht die Handbremse wieder ordentlich an: "Get the fuck away from me, why don't you ever shut up, get the fuck away from me, ahhaa." Über das kleine Country-Juwel "Calling cards" und dem Minimal-Rocker "City swans" bereitet Case das in absolutem Minimalismus verharrende Nico-Cover "Afraid" vor, das in seiner Schlichtheit mehr nach einem nächtlich-morbiden Friedhofsaufenthalt als nach Kaffeefahrt klingt.

Alternierend zwischen nostalgischem Pop 'N' Soul der 1950er und 1970er Jam-Package setzt Case ihre unverkennbaren Merkmale zusammen, die sie im Zuge von sechs Alben kultivieren konnte. Mit "The worse things get, the harder I fight, the harder I fight, the more I love you" zeigt die Amerikanerin mithin auf, wie langweilig alltägliches Leben sein kann. In der Langweile aber steckt ja gerade das Besondere.

(Peter Somogyi)

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Highlights

  • Night still comes
  • Man
  • Nearly midnight in Honolulu

Tracklist

  1. Wild creatures
  2. Night still comes
  3. Man
  4. From nowhere
  5. Bracing for sunday
  6. Nearly midnight in Honolulu
  7. Calling cards
  8. City swans
  9. Afraid
  10. Local girl
  11. Where did I leave that fire
  12. Ragtime

Gesamtspielzeit: 44:11 min.

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