Thees Uhlmann - #2

Thees Uhlmann- #2

Grand Hotel van Cleef / Indigo
VÖ: 30.08.2013

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Immer der gleiche Kampf

Was wurde da nicht alles geschrieben? Zum deutschen Springsteen sei Uhlmann herangewachsen. Nunja, Musikjournalismus lebt ja immer irgendwo vom Vergleich, aber bleibt Thees nicht irgendwie trotzdem dieses sympathische Kerlchen aus Hemmoor, das einst angab, Jürgen Vogels Gebissabdruck hätte ihn seinerzeit die Gewissheit gegeben, dass Erfolg keine Frage einer hübschen Zahnreihe sei? Hat Springsteen jemals New York mit 28 "O" buchstabiert? Nö, und wenn, dann dechiffriert der eh New Jersey. Uhlmann ist eine Type für sich. Und auch wenn der "Boss" natürlich irgendwo ein Vorbild sein mag, das plagiieren überlässt Uhlmann lieber der schwarz-gelben Politprominenz. Wenn Springsteen "born to run" ist, ist Uhlmann "born to be", erklärt er doch stets das Jetzige zum Allzeitigen, wenn er immer wieder die Leidenschaft aufbringt, den Zustand in Detailliebe zu kolorieren.

"#2" – Nummer 2, kein Hashtag, der Nachfolger von Uhlmanns selbstbetiteltem Erstwerk, erfüllt Erwartungen oder schmettert sie gnadenlos an die Wand. Wer hätte gedacht, dass der Wahlberliner im zweiten Abschnitt seiner Solokarriere noch mal eine derart dicke Schippe draufpackt? Sein Debüt beschrieb eine erwünschte Verfassung, auf "#2" ist das Erhoffte nunmehr Ist-Zustand, kümmert sich um das Wesentliche für den bereits Angekommenen. So sieht sich Uhlmann mit neuen Freuden und neuen Ängsten konfrontiert. "Die Bomben meiner Stadt machen 'Boomboomboom'" – jetzt ist es soweit – "Man will ja nach was aussehen, wenn man vor den Schöpfer tritt". Uhlmann tritt ins Zwiegespräch mit Gottes Sohn, die zauberhafte Julia Hügel wiederholt stoisch Uhlmanns Bombendrohung. Der Track hat Bock auf Stress, endet im Inferno. Aus und vorbei. Es sind die Befürchtungen eines jungen Vaters, der im nächsten Track "Im Sommer nach dem Krieg" ausmalt, wie es wäre, wenn doch noch einmal alles gut ausginge. Die freudige Hammond-Orgel berichtet von der Seltsamkeit des unerwarteten Überlebens.

"Wir schmeißen ein Streichholz in den Vulkan / Was wir lieben, schreiben wir auf Zettel, zünden sie an / Ich bin der, der nachts mit der Fackel zu Dir rennt / Und es brennt", wow! Uhlmann at his best. "Es brennt", der stärkste Titel der Platte. Mein Freund, mein Papa, mein Lieblingssänger, er passt schon auf. Ein Uhlmann'scher Testosteron-Gipfel auf höchstem Sympathielevel, ohne jemals den Macker machen zu wollen. Das Keyboard baut ein Stimmungsgeflecht auf, welches feurig aufspielt wie die Lava aus der Bergöffnung sprüht, der Refrain drückt empor zum deftigsten deutschsprachigen Singalong 2013. Feinsinnig wagt "Am 7. März" die Rückschau der Ereignisse eines Kalendertags. Rudi Dutschke wurde geboren, während Konstantin der Große einst den Sonntag erfand. Der Kreis schließt sich: "Nach 38 Jahren wohn' ich wieder in der Stadt / In der eine Straße heut' den Namen Rudi Dutschke hat." Widerstand ist im Grundriss eine Frage der genauen Beobachtung, Aufstand erfordert ein vorgelagertes Umstandsprofiling. Uhlmann beobachtet, schwelgt und hebt hervor. Der Chor schwingt sich frohsinnig in die Höhe und bittet zum gemeinsamen Frönen des Lebensmuts unabhängig von Tag und Stunde.

Vorbei die Zeiten, als Thees Uhlmann in den Straßen herumlungerte und im Zuge des Mannwerdens die "Buchstaben über der Stadt" empor romantisierte. Seine Fertilität hat er längst unter Beweis gestellt, wurde so Teil des übergroßen Ziels der Evolution, hat sich emanzipiert vom inneren Riot-Punk, sieht das Leben mithin aus einer anderen Perspektive, wirkt dabei nicht altersmilde – wie auch mit Ende 30 –, sondern allenfalls befriedet. Seinen Blick für die schönen kleinen Dinge, die "Schönheit der Chance", trägt er noch immer auf großem Banner vor sich her. Sind Tomte mittlerweile Geschichte? Die Gerüchteküche brodelt da ja nur so, und auch Uhlmann lässt nur Vieldeutiges verlauten. Und wenn schon, es sind andere Zeiten. Uhlmann lebt innerhalb der Fortentwicklung, wie der Hörer doch auch. Es geht immer um Zeitgeist, ums Aufschnappen von Weisheit. Es handelt immer davon das Leben zu verstehen, es ist immer der gleiche Kampf. Manchmal gilt es eben, die Waffen zu wechseln.

(Pascal Bremmer)

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Highlights

  • Die Bomben meiner Stadt
  • Im Sommer nach dem Krieg
  • Es brennt
  • Am 7. März
  • Ich gebe auf mein Licht

Tracklist

  1. Zugvögel
  2. Die Bomben meiner Stadt
  3. Im Sommer nach dem Krieg
  4. Es brennt
  5. Am 7. März
  6. Der Fluss und das Meer
  7. Weiße Knöchel
  8. Trommlermann
  9. Zerschmettert in Stücke (im Frieden der Nacht)
  10. Kaffee & Wein
  11. Ich gebe auf mein Licht

Gesamtspielzeit: 53:29 min.

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