Raffertie - Sleep of reason

Raffertie- Sleep of reason

Ninja Tune / Rough Trade
VÖ: 02.08.2013

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Gute Nacht

Raffertie macht Trongs. Oder Sracks? Zugegeben, die Worte "Song" und "Track" zu einem neuen Einzelbegriff mischen zu wollen, ist etwas albern. Sind doch beide für sich schon so schwammig definiert, dass eine genaue Abgrenzung ohnehin schwerfällt. Und doch scheint es der versammelten Musikjournaille Spaß zu machen, zwischen den beiden Typen von Musikstücken eine Mauer aufzubauen, nur um sie von den zu kategorisierenden Musikern sogleich wieder einreißen zu lassen. Spielen wir das Spiel doch einfach mit: Song, das sagt schon der Name, hat etwas mit Gesang zu tun. Instrumentalstücke wären also allesamt Tracks, Problem gelöst. Aber wie steht es mit Gesangssamples? Wie mit Stücken voll sanglicher Melodiösität ohne den Klang eines einzigen Stimmbandes? Man nehme Rafferties "Gagging order": Überall knistert und flirrt es, der eigenwillige Beat bekommt Gesellschaft von einzelnen Klaviertönen und abgehackten Gesangsbruchstücken. Dann wird das Piano präsenter, zückt die großen Melodien, singt mehr als es die verfremdeten Stimmen je könnten — und der Hörer kann froh sein, sich über eine Kategorisierung keine Gedanken machen zu müssen.

Der Albumtitel "Sleep of reason" kommt nicht von ungefähr. In den 48 Minuten dieser Debüt-Platte passiert so viel auf Gefühlsebene, dass der Verstand getrost schlafen gehen kann, und es vielleicht sogar sollte. Der 26-jährige Benjamin Stefanski kreiert verdammt soulige Electronica mit ordentlich Bass und Post-Dubstep-Anleihen, die in ruhigeren Momenten unweigerlich an James Blake und gar The xx denken lässt. Gleichzeitig erinnern seine schweren Soundarchitekturen an die bedrückende Dunkelheit von Burial, haben aber mehr Mut, gelegentlich Richtung Sonne auszubrechen, sich in poppiger Gefälligkeit zu suhlen und damit wie die berühmte Wanze auf der Mauer zwischen Song und Track umherzutanzen. Mit durchschnittlich beinahe klassischer Popsong-Länge scheinen die meisten Stücke eigentlich zu kurz für das Genre. Raffertie schafft es aber, seine Ideen zu komprimieren und sie verlustfrei in solch enge Zeitfenster zu verpacken, ohne dabei in bekannte Strophe-Refrain-Schemata zu verfallen. Das führt auf der einen Seite dazu, dass die Stücke auch ohne Tanzflächen-Feeling durchweg kurzweilig bleiben, auf der anderen Seite passiert manchmal so viel gleichzeitig, dass eben jenes berauschende Gefühl vom Tanzen im verrauchten Club auch vor der heimischen Anlage greifbar erscheint — womit wir wieder beim schlafenden Verstand wären.

Eins der Stücke, die ob ihrer Klangdichte lieber gefühlt als verstanden werden wollen, ist "Back of the line", das "Sleep of reason" in ein wahrhaft furioses Finale führt. Das vorhergehende "Black rainbow" bereitet das große Ende langsam vor, unterlegt Stefanskis Gesang mit einer kreischend verzerrten E-Gitarre, die immer mehr an Intensität zulegt und die Stimme irgendwann komplett verdrängt. Gleichzeitig gesellen sich erst zögerlich, dann immer präsenter, treibende Trommelschläge zur sterilen Computer-Bassdrum, womit ein sehr viel organischer klingender Sound entsteht, als noch in der ersten Albumhälfte. "Back of the line" macht dann genau dort weiter, setzt von Anfang an auf fast schon martialische Percussion, packt auch wieder die Gitarre aus, die jetzt aber viel weiter entfernt klingt, und lässt sogar Stefanskis wild manipulierte Stimme irgendwie atemlos klingen. Raffertie fliegt aber nicht durchgehend so rastlos durch die Platte. "Touching" zum Beispiel lädt zwar ebenfalls dazu ein, sich vollkommen in die Musik fallen zu lassen, schafft das aber mit weniger Mitteln und geht viel strukturierter vor. Struktur hat zum Glück ebensowenig mit Langeweile zu tun wie vermeintliches Chaos. Stefanski hat in Birmingham Komposition studiert und muss zumindest während des Entstehungsprozesses dieses Albums bei kristallklarem Verstand gewesen sein. Ob er sich bei Live-Auftritten in eine ähnliche Trance versetzen kann wie sein Publikum? Zu wünschen wäre es ihm - sonst verpasst er richtig was.

(Konrad Spremberg)

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Highlights

  • Rain
  • Gagging order
  • Touching
  • Black rainbow (Interlude)

Tracklist

  1. Undertow
  2. Rain
  3. Build me up
  4. Gagging order
  5. Touching
  6. One track mind (Short version)
  7. Last train home
  8. Trust (feat. YADi)
  9. Principle action
  10. Known
  11. Window out
  12. Black rainbow (Interlude)
  13. Back of the line

Gesamtspielzeit: 47:55 min.

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