Almut Klotz & Reverend Dabeler - Lass die Lady rein

Almut Klotz & Reverend Dabeler- Lass die Lady rein

Staatsakt / Rough Trade
VÖ: 23.08.2013

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Das vierfache Ich

"Lassen Sie mich durch, ich bin Arzt", keift eine Damenstimme. Der breitschultrige Ordnungshüter mit der grün-weißen Kappe schiebt murmelnd eine Schneise in die gaffende Zuseherschaft. "Lass die Lady rein", plökt er dem letzten Quertreiber entgegen. Auch ein Priester drängelt sich, bereit die letzte Ölung zu verpassen, durch die Menge. Eine verwirrte junge Frau liegt in einer Blutpfütze. "Mylord, ich war immer offen / Doch jetzt bin ich total besoffen", entschuldigt sie sich zitternd in Richtung der Herbeigeeilten. Eine der beiden Frauen in dieser fiktiven Szene könnte Almut Klotz sein, vielleicht ist sie sogar beide, so genau weiß man das nicht. Klotz pendelt zwischen Verletzlichkeit und gelehrter Toughness, wie ein Berufskraftfahrer zwischen Bergland und Küste. Reverend Dabeler mimt indes die moralisch-geistliche Instanz, und auch wenn er wohl niemals freiwillig eine Uniform trüge, verkörpert er gleichzeitig die exekutiven Leitlinien der Zusammenarbeit.

"Lass die Lady rein" – das zweite Machwerk des Duos – zeigt sich feinsinnig und klug, vom Traurigen ins Hoffnungsvolle driftend, die Lippen stets zum Pfeifen gespitzt und sich für den (eigen-)ironischen Blickwinkel nie zu schade, bewegt sich dabei vom Indie-Pop ins Soulige und versprüht einen Duftschweif von Großstadtprärie. "Sommerlied" berichtet von der Leichtigkeit des Seins, bewundert die Schönheit von Flora und Fauna, ohne dabei unwillkommen abseitig aufzutreten. Unbeschwert laviert Dabelers Stimme durch die Zeilen, bis der Song im "Lalala"-Corus kulminiert. Ob inmitten von Palmen oder wehenden Tannen im Sommerwind: Klotz und Dabeler umreißen das Glück als greifbares Element. "Geh in das Licht" schließt brausend an wie eine heißluftige Sommerböe. "Geh in das Licht / Und sei frei", empfiehlt das Duo und beschwört mithin die Handclaps des Publikums herauf.

Die Platte umgreift das alleinpersönliche Wohlbefinden genau wie das Liebesglück: "Oh, wann kommst Du?" ist eine schmeichelnde Reminiszenz des Kinderliedes "Laurentia, liebe Laurentia mein". Den Augenblick des Wiedersehens herbeisehnend, schwebt Klotz von Wochentag zu Wochentag, bis die Ankunft des Geliebten unmittelbar bevorsteht und Fahrt aufnehmende Drums das zuvor allzu sanfte Xylophon hin zum Wiedersehen begleiten. Die Wiedervereinigung bricht jedoch schnell entzwei, wenn Klotz und Dabeler in "Tausendschön" gemeinsam einstimmen und erkennen: "Im Grunde Deines Wesens bist Du ein schmutziger Charakter / ... / Im Grunde wär's wohl das beste gewesen, wir hätten uns nie gesehen." Die freudvolle Inszenierung aber sieht bereits den Neuanfang im Zerfall und trotzt mutig jeglichem Unmut.

"Lass die Lady rein" ist ein starkes Stück Musik. Underground auf jeden Fall, dabei ganz unbegründet, einfach weil man das Leben mal liebt und mal hasst und gelernt hat damit umzugehen. Die Texte des Duos erzählen Geschichten im Tonus einer völlig kitschfreien Lebensromantik. Vor allen Dingen sind es die Augenblicke schlechterer Befindlichkeit, in denen die Kollaboration der beiden ganz besonders fruchtet: Hoffnungslosigkeit wird gnadenlos ausgebuht und einer tiefsitzenden Herzensfreude entgegengestellt. Klotz, Gründungsmitglied der Lassie Singers, und Dabeler verschmelzen dabei zu einer facettenreichen Einheit: Das tragische Opfer, die heilende Kraft, der anrührende Impulsgeber und der ordnungsbringende Fels in der Brandung – sie finden alle Ihren Platz. Aus zwei Existenzen wird eine Existenz, wird ein vierfaches Ich.

(Pascal Bremmer)

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Highlights

  • Oh, wann kommst Du?
  • Tausendschön
  • Sommerlied
  • Geh in das Licht

Tracklist

  1. Mylord
  2. Oh, wann kommst du?
  3. Tausendschön
  4. Liebeslied
  5. Königin
  6. Tanzen
  7. Sommerlied
  8. Geh in das Licht
  9. Welt Retten
  10. Rache + Gerechtigkeit

Gesamtspielzeit: 41:03 min.