Karnivool - Asymmetry

Karnivool- Asymmetry

Cymatic / Sony
VÖ: 19.07.2013

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Kritische Distanz

Komplexität auf Kollisionskurs, Gegenmaßnahmen werden eingeleitet. Erhitzte Gehirne im stressvermeidenden Selbsterhaltungsmodus geben unidentifizierbare Musikobjekte oft vorschnell zum Abschuss frei. Empirische Untersuchungen auf dem Gebiet der Introspektion haben jedoch ergeben, dass für die Annäherung an komplexe akustische Systeme Abstandnehmen die erfolgversprechendste Methode ist.

Das Objekt mit der Bezeichnung "Asymmetry" führt daher beste Bedingungen mit sich. Sein Ursprung liegt in einem der entlegendsten Winkel dieser Welt, seine Ankunft in einer Zeit, in der die Empfangsbereitschaft der meisten Kognitionsapparate ohnehin gerade neu kalibriert wird. Das ist zweckmäßig, denn für asymmetrische Annäherungsversuche ist ein von Alt-und Alltagslasten befreiter Geist unabdingbar. Umso mehr, als dass in der Vergangenheit ähnliche Objekte gleichen Ursprungs vergleichsweise unkompliziert zu analysieren waren. Doch so wie sich das menschliche Gehirn dem Chaos verweigert, indem es selbst im wildesten Wirrwarr zwanghaft nach Regelmäßigkeiten fahndet, versucht sich "Asymmetry" beharrlich jeder beschreibbaren Ordnung zu entziehen. Es sind dabei diese Neigungen des Subjekts und des Objekts, die mit vereinter Kraft zusammenfügen, was zusammengehört.

Beim Erstkontakt stellt sich "Asymmetry" zunächst als eine beinah beschönigende Bezeichnung für das phasenweise kaum charakterisierbare Objekt heraus. Es erodiert in Momenten, die für die Ewigkeit gemacht schienen; es kombiniert willkürlich angeordnet wirkende Elemente zu felsenfesten Einheiten, nur um kurz darauf zu explodieren; es reißt unentrinnbare Löcher, wo man gerade noch trittsicher laufen konnte. Der erste Blick fällt auf "Aum" und damit auf eine scheinbar glatte, von weichem Licht umspielte Oberfläche, wodurch das Objekt harmlos, aber heimtückisch einen sanften Anflug andeutet, bevor es die Geschwindigkeit erhöht und die synaptischen Scanner beim Abtasten der zerklüfteten "Nachash"-Struktur einen ersten Belastungstest überstehen müssen. Gut, dass die stimmlichen Begleiterscheinungen fast immer für das nötige Feintuning sorgen und die so detailreich wie dynamische Aggressivität es dem geübten Geist ermöglicht, das vielfach erprobte, aber viel zu lange ungenutzte Tool-Klassifikationsschema anzulegen.

Doch es ist eine seiner auffälligsten Eigenschaften, dass das Objekt "Asymmetry" immer wieder vom vorberechneten Kurs abweicht, plötzlich beschleunigt, wilde Haken schlägt, die Sicht verdunkelt und sich zu übernatürlich anmutender Bedrohlichkeit aufbläht. Schon kurz nach seinem Eintreffen stehen die Zeichen auf Auslöschung der ohnehin zerbrechlich wirkenden Oberfläche. Das Subjekt wird durch "A.M. war" vom Donner gerührt, erstarrt und erwartet bewegungsunfähig den ohrenbetäubenden Knall des Endgültigen. Doch das so plötzlich zum letalen Projektil gewordene Objekt verwandelt sich schlagartig zur glimmenden Sternschnuppe, streift, funkensprühend, lediglich die schützende Ummantelung und beschreibt in beruhigender Entfernung eine farbenfrohe Flugbahn, die immer wieder eine optimale Observation ermöglicht, so dass sich die vielschichtige und markante Struktur der Stellen "We are" und "Aeons" untersuchen lässt. Obwohl man den Blick nicht davon lassen kann, ist an ein friedvolles Fernstudium allerdings nicht zu denken. Zu angriffslustig und hinterhältig verhält sich "Asymmetry", zu unbeständig bleibt der Abstand. Von Zeit zu Zeit zieht es wild zuckend Zickzacklinien durch die konzentrischen Kreise des imaginierten Anflugkorridors, kreiert durch "The refusal" eigenwillige Erscheinungen, die Seh- und Nervenstärke erfordern, um sie als kunstvoll zu erkennen.

Mit manchmal demoralisierender Mächtigkeit entzieht "Asymmetry" dieser Welt die Atemluft und ersetzt sie durch anorganische Akustik, emittiert in seinem Halbschatten aber auch immer wieder kleinere oder größere Blasen der Erholung. "Eidolon", "Sky machine" und "Alpha" sind solche Stellen, denen sich das Subjekt entschlossener nähern kann. Weitere sind "Float" und "Om", die nicht nur das Objekt, sondern auch die ohnehin verzerrte Raumzeit drumherum kurzzeitig stillstehen lassen. Das Subjekt muss in diesen Momenten jedoch einkalkulieren, jäh durch verschärftes Tempo und verstärkte Schwerkraft mitgerissen und dabei aus jeder nahegelegenen Umlaufbahn katapultiert zu werden. Einerseits hat das den Vorteil, dass die kritische Distanz wiederhergestellt wird, die es für die bestmögliche Annäherung benötigt. Andererseits mag dann manch einem derart aus der Bahn geworfenen Subjekt die spektakuläre Form von "Asymmetry" in einem Akt mentaler Selbstbehauptung als Hirngespinst erscheinen. Eine zweifellos zutreffende Erkenntnis. Zumindest aus der Nähe betrachtet.

(André Schuder)

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Highlights

  • Nachash
  • We are
  • Sky machine

Tracklist

  1. Aum
  2. Nachash
  3. A.M. war
  4. We are
  5. The refusal
  6. Aeons
  7. Asymmetry
  8. Eidolon
  9. Sky machine
  10. Amusia
  11. The last few
  12. Float
  13. Alpha omega
  14. Om

Gesamtspielzeit: 66:50 min.

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User Beitrag

The MACHINA of God

Postings: 10511

Registriert seit 07.06.2013

2015-11-05 17:10:15 Uhr
Was für eine Rezension, ey! :D
Mal reinhören.

Mainstream

Postings: 1864

Registriert seit 26.07.2013

2014-10-26 16:36:04 Uhr
Höre ich wieder. Unglaublich Cool !

Atzenkaiser

Postings: 4

Registriert seit 10.09.2014

2014-09-10 13:09:19 Uhr
Nach einigen Durchläufen(und ja die scheibe braucht ne menge durchläufe) find ich die jetz auch endlich gut. Nich ganz der große Wurf wie bei der Sound Awake. Dafür aber deutlich eigenständiger. Weiterhin stört mich nur der Sound(insbesondere die Drums) und das Fehlen von so epischen Endlosaufbauten wie bei den letzten drei Songs der Sound Awake.
Gilgamensch
2014-01-20 20:19:13 Uhr
Das Finale von "We are" ist ein Wahnsinns-Moment.

keenan

Postings: 1437

Registriert seit 14.06.2013

2013-08-08 20:04:41 Uhr
gute platte, gefällt mir besser als der vorgänger, denn hier hört sich die band eigenständig an und nicht wie für mich zu sehr nach tool light
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