Bell X1 - Chop chop

Bell X1- Chop chop

Belly Up / Al!ve
VÖ: 05.07.2013

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Der letzte Abwasch

Das muss wohl britischer, pardon, irischer Humor sein: Die Erstauflage von "Chop chop" steckt in einem auseinandernehmbaren Brettchen für die Küche. Genau das Richtige zum Zwiebelschneiden im heimischen Gefühlshaushalt: Da kullern die Tränen wie von selbst. Nicht nur beim Hörer, sondern auch bei Paul Noonan. Gleich zu Anfang stimmt der Sänger zu selbstvergessener Klimperei und defensiv gebürstetem Schlagzeug ein Klagelied an, während Vögel die nicht vorhandene Sonne verdunkeln und von nahendem Unheil künden. Die Apokalypse in einer Nussschale - will heißen: in wenig mehr als einer halben Stunde. Länger brauchen Bell X1 nämlich nicht, um ihre Visionen eines drohenden Untergangs unters Volk zu bringen.

Auch wenn sie vermutlich selbst noch nicht genau wissen, wie dieser aussehen wird. Während "Starlings over Brighton pier" noch die popkulturell eher verpönte Variante des Verblassens favorisiert, brennt es schon wenig später lichterloh: Von den verträumten kleinen Klavierfiguren und dem luftig vor sich herstolpernden Groove bleibt nicht viel übrig, wenn "A thousand little downers" ungebremst an einer Wand aus zornigen Gitarren und einem krachend in sich zusammenstürzenden Drumkit zerschellt. Nach ein paar Aufrappelversuchen kollabiert der Song dann unwiderruflich, und allen, die vom Album "Blue lights on the runway" noch die fröhlichen Talking-Heads-Reinkarnation "The great defector" im Ohr haben, schwant allmählich: Mit so etwas wird es dieses Mal wohl nichts.

Wie auch, wenn der Indie-Pop von "Chop chop" vor allem Piano und Streicher sprechen beziehungsweise schluchzen lässt und Noonan sein Vibrato meist in den Dienst empfindsamen Croonertums stellt, statt mit David-Byrne-Genäsel den Kulturpessimisten zu geben? Darf man einem Song wie "Careful what you wish for" glauben, ist schon bald ohnehin alles vorbei. Und in der Tat klingt der Frontmann dabei des öfteren eher wie Orlando Weeks von den Maccabees oder wie eine untröstliche Version von Jarvis Cocker, der nach einem Verherrlichungsabend für Jacques Brel wichtige Teile seines Gehirns sucht, während die Handclaps schüchtern verhallen und eine bange Orgel zaghaft tuckert. Am nächsten Tag raunt sein Friseur Noonan konspirativ zu: "All this shit will be dead next week." Doch der lächelt nur müde: Er hat es schon längst gewusst. Oder?

In dieser zuweilen spröden Kargheit blitzen nämlich immer wieder bewegliche, ja lebensbejahende Momente auf, die nahelegen, dass sich Bell X1 vielleicht auch nur hin und wieder gerne mit Eruptionen privaten Leidens guttun. Das aufgekratzt-perkussive "I will follow you" reicht sogar für einen gegen den Strich gebürsteten Tanzrumpler, und der fidele Apokalypso "The end is nigh" wirkt trotz düsterer Vorahnung, als würden Arcade Fire im Sauseschritt einen Flügel die Bühne rauf- und runterschieben. Ein versöhnlicher, temporeicher Abschluss eines gedrückt-zerrissenen Albums, auf dem die Dinge am Ende gar nicht so hoffnungslos liegen, wie es zunächst den Anschein hat. Die Iren könnten es dem Hörer beim nächsten Mal – sofern es eines gibt – aber gerne ein wenig einfacher machen. Zeit für den emotionalen Abwasch.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • A thousand little downers
  • I will follow you
  • The end is nigh

Tracklist

  1. Starlings over Brighton pier
  2. A thousand little downers
  3. Careful what you wish for
  4. Diorama
  5. I will follow you
  6. Drive by summer
  7. Motorcades
  8. Feint praise
  9. The end is nigh

Gesamtspielzeit: 32:54 min.

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User Beitrag

Pepe

Postings: 220

Registriert seit 14.06.2013

2013-08-06 14:11:12 Uhr
"Starlings Over Brighton Pier" bei der Rezi nicht unter den Highlights????????????????????

Pepe

Postings: 220

Registriert seit 14.06.2013

2013-07-26 15:29:03 Uhr
Ich kann mich der bisherigen Einschätzung auch nur anschließen, allerdings für mich mit einer Ausnahme: mir gefällt außer dem tollen "Starlings Over Brighton Pier" der Song "Motorcades" auch noch sehr gut; den bekomme ich irgendwie schon seit Tagen nicht mehr aus meinen Ohren.

Desare Nezitic

Postings: 5406

Registriert seit 13.06.2013

2013-07-26 02:40:30 Uhr
Muss mich den Vorrednern anschließen. Erinnert an die Platte von The Boxer Rebellion, bei der nach dem ersten Track, der ziemlich genial ist, nichts weltbewegendes mehr kommt. Sehr medioker.

Cosmig Egg

Postings: 766

Registriert seit 13.06.2013

2013-07-09 15:25:53 Uhr
@black_sheep_boy

Ja, du hast recht. Hab mir gestern das ganze Album angehört und war maßlos enttäuscht.
Aber der song ist in meinen song-topten 2013 bislang.
black_sheep_boy
2013-07-09 14:00:10 Uhr
@Cosmig Egg

Dachte ich mir auch. Nur leider kommt kein anderer Song des Albums an "Starlings Over Brighton Pier" heran. Eine so krasse Dikrepanz zwischen einzelnen Songs und dem Rest eines Albums habe ich dieses Jahr nur beim aktuellen Baths Album erlebt.
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