Owen - L'ami du peuple

Owen- L'ami du peuple

Polyvinyl / Cargo
VÖ: 26.07.2013

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Der Paarjahres-Vertrag

Nein, die Damen und die Herren: Es gibt nichts wirklich Neues bei Owen, also bitte - bleiben Sie nicht stehen, lesen Sie weiter! Von Beginn an benimmt sich Chicagos Mike Kinsella mit seinem Soloprojekt wie der eine uralte Freund, der alle paar Jahre mal hereinschneit und stante pede die Zeit einfriert. Weil sein einziges Gepäck aus einem dicken Batzen Wehmut besteht, gezimmert aus Unmengen an Zeiten, Erinnerungen, Träumen und Orten - aus einem Versprechen also, das sich jedoch, ganz recht, nur alle paar Jahre flüchtig erfüllt. All das ist Owen - da kann, soll und darf sich mit seinem mittlerweile siebten Album nichts dran ändern.

Genau so ist es dann auch mit "L'ami du peuple". Verlässlich, pflichtschuldig, gar konservativ - zumindest aber wird die, im Vorfeld vielfach kolportierte, musikalische Rolle rückwärts hin zu American Football ausgesetzt. Zwar kicken und rollen die Drums voluminös durch manche Songs und schmeißt Owen auch den Gitarrenverzerrer an. Dies tat er jedoch bereits zum Vorgänger "Ghost town". Und ebenso wie dort verlässt er sich auch heuer lieber auf die perlenden Luftverwirbelungen, die seine Akustische durch das weit offene, doch ruhig daliegende Klangfeld von "L'ami du peuple" hämmert, pickt und slidet. Was er sonst noch zu bieten hat - Klaviere, Streicher, allerlei Handgeklatschtes und Klöppelgespieltes sowie, natürlich, seine grundgütige Stimme -, reiht sich perfekt ein, wenn es gebraucht wird. Doch auch das war schon immer so, bei Owen.

Im Ergebnis klingt das dann, als könnten Death Cab For Cutie ihre Gitarren nicht nur sehr okay, sondern ausgesprochen gut bedienen. "Blues to black" lässt die New-Wave-Bässe klickern, Kontermelodien aus Glockenspiel und Shoegaze-Hall ineinanderfließen und schiebt den Schlagzeug-Beat in der Tat so weit nach vorne wie kaum zuvor. Doch auch diesen so wunderbar aufgeregten Song kann man viel eher beim gelassenen Atmen zuhören, ebenso "Coffin companions", wo Kinsella auf ähnliche Mittel eine absolut herzergreifende Delay-Melodie packt und den Song mit ihrer Hilfe direkt in die Dämmerung jeder auch nur ausdenkbaren Midwestern-Fantasie schaukelt. Auch "Bad blood" und "Vivid dreams" verwandeln allerlei Erwachsenen-Nöte zu melancholischem Veranda-Wippen, selbstgemachter Limonade, braungebrannten Armen, Spielkarten in den Fahrradspeichen. Und überhaupt: Sommerferien allüberall, wohin man auch hört.

Eben diese Mischung, so ausrechenbar sie mittlerweile auch sein mag, bringt "L'ami du peuple" nicht nur perfekt zusammen - vielmehr zeigt sich hier erneut die Ausnahmestellung, die Owen im Reich der Gitarren- und Stimmbandbediener innehat. Denn Kinsella singt über Themen, die bei allem Privatismus für die Aura des Singer-Songwriters eigentlich tabu sind. Sprich: Nicht (oder nicht nur) über dessen Leistungsprinzip aus Einsamkeit, Drangsal und der Jugendliebe von anno dunnemal, sondern über Schnulleralarm, Geldsorgen, den körperlichen Kontrollverlust während der letzten Influenza-Epidemie und sonstige unfassbar unoole Dilemmata. Damit entwischt er dem Biografie-Terror vieler seiner Kollegen aufs Vortrefflichste, weiß ihn zu trivialisieren und bleibt doch ganz, um nicht zu sagen hyperkonsequent bei der Sache. Der Hörer hingegen weiß spätestens, wenn zum Schlusssatz von "Love is not enough" und zu "Who cares" wirklich zuckersüße Streicher die Songs entern, dass er Kinsella gerade mal wieder ganz wunderbar auf den Leim gegangen ist. Und doch muss er zugeben: Ja ja, der Owen - ein alter Freund auf Heimatbesuch. Schön war's wieder, gar keine Frage.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • I got high
  • Blues to black
  • Coffin companions
  • Who cares

Tracklist

  1. I got high
  2. Blues to black
  3. Love is not enough
  4. Coffin companions
  5. The burial
  6. Bad blood
  7. Who cares
  8. A fever
  9. Where do I begin
  10. Vivid dreams

Gesamtspielzeit: 40:04 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Skinny Boy

Postings: 43

Registriert seit 18.06.2013

2013-06-21 13:02:13 Uhr
Bin mittlerweile in Runde 3 und es gefällt mir immer mehr. Mit den ganzen elektronischen Einsätzen erinnert es mir stark an das Debüt. Die Melodien sind auch etwas geradliniger als auf Ghost Town. Die Gitarren kommen gut raus wie in "Bad Blood" oder "A Fever". Mit "Who Cares?" sind das auch meine Highlights. Schöne Smiths-Referenz auch in "Coffin Companions". Von den 10 Songs ist auch kein wirklich schlechter dabei. Tolles Outro auch im Closer "Vivid Dreams".
Würde bisher 8/10 geben. Wirklich ein sehr gutes Album.

Pepe

Postings: 237

Registriert seit 14.06.2013

2013-06-21 12:44:45 Uhr
Find's noch um einiges stärker als der Vorgänger.

Dann bin ich ja mal gespannt: ich fand Ghost Town schon richtig klasse.
Beefy
2013-06-21 09:12:24 Uhr
Find's noch um einiges stärker als der Vorgänger.

Skinny Boy

Postings: 43

Registriert seit 18.06.2013

2013-06-20 17:06:07 Uhr
Mike Kinsella, bekannt durch solch geniale Formationen wie Cap'n Jazz oder American Football, bringt unter Owen sein neues Album "L'ami du Peuple" raus. Releasedate ist der 2. Juli.
Das Album ist bereits geleaked und ich find's ähnlich stark wie den Vorgänger "Ghost Town". Würde mich freuen, wenn da noch ne Rezi kommen würde. Für mich bisher das beste Singer-Songwriter/Folk-Album in diesem Jahr.

http://www.polyvinylrecords.com/store/index.php?id=2389
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