Thundercat - Apocalypse

Thundercat- Apocalypse

Brainfeeder / Ninja Tune / Rough Trade
VÖ: 05.07.2013

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Wir brauchen Bass

"Ich spiele nur Bass." Stephen Bruner gibt sich bescheiden. Wo sich obertalentierte Multiinstrumentalisten damit brüsten, ihre musikalischen Gedanken von allen möglichen Perspektiven betrachten und umsetzen zu können, versucht Bruner, die gleiche Vielfalt aus nur einem Instrument zu kitzeln – und erschafft ein Genre-Panorama, dem viele jener Alleskönner nur in ihren feuchten Träumen begegnen. Bei Freund und Kollege Steven Ellison alias Flying Lotus ist Bruners übersprudelnder Ideenreichtum auf fruchtbaren Boden gestoßen. Nachdem er auf dessen Alben "Cosmogramma" und "Until the quiet comes" mit Inbrunst den Bass malträtierte und auch schon den einen oder anderen Ton gesungen hatte, ist er inzwischen selbst auf dem Flying-Lotus-Label Brainfeeder zuhause und hat mit Ellison wahrscheinlich den idealen Produzenten gefunden. Die beiden funktionieren perfekt zusammen, greifen ineinander wie zwei Zahnräder, ziemlich breite Zahnräder.

Alles auf "Apocalypse" hat ein Stück weit den R'n'B-Electronica-Touch, der auch "Until the quiet comes" geprägt hat. Dazu gesellen sich Jazz- und Funk-Einflüsse genauso wie Prog-Rock und Pop-Hooks. Aber ganz egal, wo stilistisch der Schwerpunkt liegen soll, fast immer ist es der Bass, auf dem alles Andere aufbaut. Dass der in seiner Variabilität einer Sologitarre genauso ebenbürtig ist wie einem Synthesizer voller abgefahrener Plugins, mögen Bass-Freaks schon immer behauptet haben – Thundercat drückt der Popwelt diese Erkenntnis aber mit so viel Nachdruck auf, dass Bassistenwitze augenblicklich jeglichen Reiz verlieren sollten. Wenn die Finger dann doch irgendwann wundgespielt sind, greift Stephen Bruner am liebsten zum Mikrofon. Getrieben vom unterschwelligen Wummern einer Bassdrum stellt sich sein Gesang im Opener "Tenfold" dem eigenen Bassspiel gegenüber und bildet die zentrale melodische Komponente. Dass auch im Bass viel Melodie steckt, wird im weiteren Albumverlauf häufig deutlich. Vor allem wegen des großen Tonhöhenunterschieds kommen sich Stimme und Saiten aber nie in die Quere. Vielmehr bilden sie eine Art Rahmen, in dessen Mitte unzählige kleine Klangwesen fiepsen und klicken und dem handgemachten Gerüst Volumen geben.

Jenes Gerüst trägt stark dazu bei, dass "Apocalypse" ein beeindruckend rundes Album geworden ist, obwohl Bruner mit den 12 Tracks teilweise völlig verschiedene Ansprüche verfolgt. Mal will er es seinen Hörern einfach machen, erschafft wie in "Heartbreaks + setbacks" einen umwerfend eingängigen Gute-Laune-Groove und fühlt sich sichtlich wohl in seiner Rolle als Unterhaltungskünstler. Demgegenüber steht zum Beispiel "Seven" dessen 7er-Takt eigentlich schon schwer genug greifbar ist – die Bassdrum verschiebt nochmals alles komplett, sodass ein regelmäßiges Metrum praktisch nicht spürbar ist. Und komplexer Rhythmus hat es Bruner angetan: "Lotus and the jondy" ist größtenteils ein einziges Schlagzeugsolo, dass so auch einer Jazz-Jamsession entspringen könnte, dort nur im vergleich zum restlichen Stück etwas überproportioniert wirken würde. Mit "A message for Austin / Praise the lord / Enter the void" bekommt "Apocalypse" schließlich ein angemessen bombastisches Finale, dessen Höhepunkt nur irgendwie zu früh erreicht ist. Es folgen vier Minuten, die sich ein wenig wie ein Gute-Nacht-Lied anfühlen, und in denen sich "Apocalypse" still und leise verabschiedet. Das klingt weder nach dem würdigen Abschluss für ein kraftvolles Thundercat-Album noch nach Apokalypse – aber irgendwie passt es. Konventionen sind halt nicht so das Ding von Stephen Bruner, aber die können ja auch schnell langweilig werden. Genauso wie Bassistenwitze.

(Konrad Spremberg)

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Highlights

  • Heartbreaks + setbacks
  • Tron Song
  • Oh sheit it's x
  • A message for Austin / Praise the lord / Enter the void

Tracklist

  1. Tenfold
  2. Heartbreaks + setbacks
  3. The life aquatic
  4. Special stage
  5. Tron song
  6. Seven
  7. Oh sheit it's x
  8. Without you
  9. Lotus and the jondy
  10. Evangelion
  11. We'll die
  12. A message for Austin / Praise the lord / Enter the void

Gesamtspielzeit: 39:59 min.

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