35007 - Liquid

35007- Liquid

Stickman / Indigo
VÖ: 27.05.2002

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Im Rausch der Tiefe

Es zahlt sich irgendwann aus, vor langer Zeit PM gelesen zu haben. Dann weiß man nämlich, daß Tsunamis Flutwellen sind, die auf offener See, zum Beispiel durch Erdbeben, entstehen. Im tiefen Wasser sind sie kaum zu sehen, gehen aber tief unter die Wasseroberfläche und tragen eine gewaltige Energie mit sich. Erst wenn diese Welle auf eine flache Küste zuläuft, entpuppt sich die gewaltige Macht der Tsunami. Turmhoch baut sich ein riesiger Brecher auf, ein unfaßbares Naturschauspiel und eine zerstörerische Gefahr für alles, was am Ufer lebt und wohnt.

"Tsunami" heißt auch der Opener auf dem neuen 35007-Album "Liquid". Die Struktur dieses Stückes - wie der Rest des Albums komplett instrumental - scheint genau einer solche Flut nachempfunden. Neun Minuten lang wird die genauso unsichtbare wie gewaltige Kraft mit leisen Tönen umschrieben, bis sich die Welle an der Küste bricht und ein infernalisches Tosen erzeugt. Aus der Ruhe nach diesem Sturm taucht dann etwas Vertrautes auf: Ein Variation des Gitarrenlicks aus "Tsunami" geleitet den Hörer in das nächste Stück.

Mit "Crystalline" verändert sich die Perspektive. Im Fokus befindet sich jetzt nur noch ein winziger Tropfen Wasser. Ruhige Bewegungen bestimmen sein Dasein, zartgekräuselte Wellen im Großen, gemäßigte Brown'sche Molekularbewegung im Kleinen. Doch das nächste Drama bahnt sich an: Es wird immer kälter, die Moleküle werden immer lahmer und schließlich endet unser Tropfen wieder als kleiner Teil in einem riesigen Eisblock, der am Ende des Stückes effektvoll zerbricht.

Mit "Evaporate" steigt die Temperatur wieder an, und zwar gewaltig. Mit der spürbar zunehmenden Energie wächst auch der Bewegungs- und schließlich der Freiheitsdrang unserer kleinen molekularen Freunde. Einer nach dem anderen reißt sich von den Fesseln des Kristallgitters los, nur um an der Wasseroberfläche den nächsten Kampf aufzunehmen. Das Ziel heißt verdampfen, die große Freiheit in der Gasform finden. Als es schließlich soweit ist, stellt die Kamera auf ein überglücklich umhertreibendes Molekül scharf. Ladies and Gentleman, we're floating in space.

Tür und Tor stehen nun offen, der Hörer verliert das Wasser aus den Augen und begibt sich auf eine "Voyage automatique". Der Bezug zur Flüssigkeit bleibt durch den an- und abschwellenden Fluß der Musik erhalten, und auch der Schluß von "Liquid" ist standesgemäß: Ganz allmählich versickern die letzten Töne irgendwo im Sand, und eine glutrote Sonne taucht die Umgebung in warmen Glanz. Was für ein Schlußbild! 35007 lassen uns an ihrem Kopfkino teilhaben, indem sie die Filmmusik dazu veröffentlichen. Der Film ist Oskar-reif, die Musik sowieso. Nur das Genre bleibt unklar: Dokumentation? Surreales Drama? Drogenverherrlichungsfilm? Egal, in jedem Fall großes Kino.

(Rüdiger Hofmann)

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Highlights

  • Crystalline
  • Evaporate

Tracklist

  1. Tsunami
  2. Crystalline
  3. Evaporate
  4. Voyage automatique

Gesamtspielzeit: 38:17 min.

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