Deafheaven - Sunbather

Deafheaven- Sunbather

Deathwish / Indigo
VÖ: 05.07.2013

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Nach dem Hass

In den letzten zwei Jahren durfte man bestaunen, wie die gute Idee, den Black Metal aus dem Geiste des Postrock zu reanimieren, zwar einen erstaunlichen Hype anschieben konnte, aber doch über zwei, drei brillante Alben wie "Aesthethica" von Liturgy letztlich nicht hinauskaum. Auch auf "Roads to Judah", dem zwei Jahre alten Debüt der Amerikaner von Deafheaven, stand der strahlend schöne Hit "Unrequited" letztlich neben drei okayen, weil skizzenhaften Songs. So sehr mancher von der Mode aus dem vorletzten Sommer genervt sein mag: Das Potenzial ist nicht mal ansatzweise ausgeschöpft. Hier setzt "Sunbather" an, der vielerorts sehnsüchtig erwartete Zweitling von Deafheaven.

Es ist natürlich nicht ohne Ironie, dass ausgerechnet der Postrock und der Black Metal in den letzten Jahren so auf Tuchfühlung gegangen sind: Ersterer steht sinnbildlich für all die zarten Persönchen in engen Hosen, die, geplagt von Selbstzweifeln, auf die eigenen Schuhe starren und ihre Scham notdürftig mit Akkorden zu bedecken suchen. Der Black Metal hingegen hatte, lässt man den ganzen Fascho-Kirchenanzünder-Satanismus-Blödsinn weg, stets mit Emphase auf die unbändigen Kräfte des ach-so-freien Individuums bestanden und kam absurderweise ziemlich genau bei der Live-strong-Ideologie eines von der Leine gelassenen, menschenfeindlichen Liberalismus an. Nun, "Sunbather" hasst die Menschen nicht, aber es ringt mit ihnen, wendet sich ihnen zu, um wieder und wieder enttäuscht zu werden.

Fernab der großen Fragen, die dieses Album aufwirft und über die Debatten um Lärm und Wohlklang hinaus, wird erstmals auch in diesem Sektor ein Album Menschen ansprechen, die ansonsten Bruce Springsteen und The Gaslight Anthem hören. Und Menschen, die auf die nächste Wiederholung von "Wunderbare Jahre" im TV warten. Weil "Sunbather" große Kompositionskunst ist, einerseits, und andererseits, weil es Geschichten mit lyrischem Anmut vorzutragen weiß: "I gripped the wheel / I sweated against the leather / I watched the dogs twist through the wealthy garden / I watched you lay on a towel in grass that exceeded the height of your legs / I gazed into reflective eyes / I cried against an ocean of light." Ich, Du – da ist ein Spalt, der uns trennt.

Deafheaven wissen, dass sie sich entscheiden müssen, um über bloßes Stückwerk hinauszukommen. Sie haben es getan, mit Mut. Dies beginnt bereits beim zweideutigen Titel "Sunbather" und zieht sich bis ins rosarote Artwork. Selbst die schicken Pressefotos, die an jenes dunkle Arbeiterklassen-England erinnern, über das David Peace schreibt, sprengen den Metal-Kontext bewusst. Von der allerersten Sekunde an geht die Band aus San Francisco auf Abstand zu den Wald-und-Winter-Bildern des klassischen Black Metal. Stattdessen kommt "Sunbather" zurück zu den amerikanischen Vorstädten, zu den Orten aus der Jugend George Clarkes, des Sängers und Texters. "Sunbather" kann mitunter seine Nostalgie nicht verbergen, es schwelgt in alten Erinnerungen, aber es tut dies in einer fesselnden Sprachgewalt und mit einem Sinn für Spannung, der herausragt.

Der Titeltrack holt weit aus, baut mit Explosions-In-The-Sky-Gitarren Brücken über einen Malstrom aus Blast Beats und pinselt den überwältigend existenziellen Screamo von Envy schwarz. Clarke taumelt zwischen Eskapismus und Unausweichlichkeit mit einer Stimme, die Gesangslinien zwirbelt aus blutenden Stimmbändern. Es ist schlicht ein mittelgroßes Wunder, wie Deafheaven auf "Sunbather" Black Metal mit Shoegaze, Postrock und – ja – Pop so kreuzen, dass es das allererste Mal so wirkt, als hätten schon The Cure ihr "Fascination Street" über rasenden Drums eingespielt. "Sunbather" muss durch die cholerischen Ausbrüche und Muskelspiele hindurch, um anzukommen bei dem untilgbaren Gefühl der Ohnmacht, das stärker ist als die vielen Vermeidungsstrategien, die es hervorbringt.

In den perfekten Momenten wie "The pecan tree", das seine tollwütigen Riffs schlussendlich in Euphorie zerstäubt, schafft "Sunbather" eindrücklichste Bilder und Assoziationen: Man glaubt, den gemähten Rasen zu riechen, das Sonnenlicht auf der Veranda auf der Haut zu spüren und will sie ansprechen, all die Einzelnen, die da mühsam zusammengestellt sind in ihren Familien, in ihren Leben, die chronisch fremd und unfertig bleiben. "Sunbather" ist dennoch ein Album von größter Zärtlichkeit, und hierin liegt der gigantischste Kraftakt. Eine süße Klaviermelodie hat das letzte Wort. Black Metal ist tot. Vergeblich, hoffen. "Always and forever."

(Nicklas Baschek)

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Highlights

  • Sunbather
  • Vertigo
  • The pecan tree

Tracklist

  1. Dreamhouse
  2. Irresistible
  3. Sunbather
  4. Please remember
  5. Vertigo
  6. Windows
  7. The pecan tree

Gesamtspielzeit: 59:58 min.

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User Beitrag

Mister X

Postings: 2438

Registriert seit 30.10.2013

2017-08-25 15:59:45 Uhr
Hab mich dann doch mal ueberredet zu hoeren. Meilenweit von New Bermuda. Jedoch habe ich einige Sachen gefunden die New Bermuda sehr aehnlich macht. Bin ja kein Fan von Wiederholungen. Heisst ich zweifel dann ja jetzt daran.

Mondwaffel

Postings: 38

Registriert seit 12.01.2014

2017-08-23 18:01:24 Uhr
Nsch langer Zeit mal wieder rausgekramt und auf der Fensterbank im Sonnenschein gehört. Hat nichts von seiner Klasse eingebüßt.

Vor allem das Ende von "The Pacan Tree" packt mich immer wieder.

VelvetCell

Postings: 1126

Registriert seit 14.06.2013

2014-09-10 19:40:02 Uhr
Oh Mann, "The Pecan Tree" ist ja wahrhaftig groß. Wie konnte dieses Album so lange an mir vorbeigehen? Muss mir die LP kaufen ...

captain kidd

Postings: 1676

Registriert seit 13.06.2013

2014-09-10 08:33:39 Uhr
ja. ein klassiker.

VelvetCell

Postings: 1126

Registriert seit 14.06.2013

2014-09-09 14:40:33 Uhr
Höre "Sunbather" gerade die ersten Male - wahrhaftig ein Monument. Bin beeindruckt!
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