Palms - Palms

Palms- Palms

Ipecac / Irascible
VÖ: 21.06.2013

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Knochenmaloche

Da ist es, das unwillkommene Wechselbad der Gefühle. Unvoreingenommen war der Rezensent. Keinen Klangschnipsel ließ er an sein Ohr dringen. Nur stille Erwartung. Am 18. Mai 2010 wurde das Ende der besten Postmetal-Band des Erdballs verkündet. Isis warfen das Handtuch. Fahnenflucht. Verdammter Burnout. Fast auf den Tag genau zwei Jahre später rumorten zunächst Gerüchte und dann die Bestätigung: Die Isis-Crew, Shouter Aaron Turner und Gitarrist Michael Gallagher ausgenommen, tat sich mit Deftones-Sänger Chino Moreno zusammen, um unter dem Namen Palms die Welt zu retten. Nichts weniger war von einem solchen Line-Up zu erhoffen. Hier folgen die Eindrücke von drei Hördurchläufen.

Erster Hördurchlauf: "Future warrior" begeistert. Ein Einstieg, der klingt, als modernisiere man Massive Attacks "Unfinished sympathy". Erinnerungen an Morenos kurzweiliges Projekt Team Sleep werden wach. Ab Sekunde 22 folgen Aaron Harris' Drums, die Gitarren erklingen. Tiefenhypnose. Der Sänger stimmt eine getragene Melodie an. Der Hörer wird Zeuge einer perfekten musikalischen Fusion. In knapp acht Minuten Spielzeit wohnt man der Heirat von "Koi no yokan" und "Wavering radiant" bei. Dann folgt "Patagonia". Doch der Song ist irgendwie schwammig, hat keine Dynamik, weiß Gott wie lange. Unmut stellt sich ein. "Mission sunset" fährt mit prallen 10 Minuten durch das Ohr. Ein ziemlicher Brocken. Aber es klingt wie "Patagonia", wobei eine leichte Steigerung zu erkennen ist. Der Rezensent verliert langsam sein Gefühl für Differenzen. Nach geraumer Zeit kommt er bei "Antarctic handshake" an. Auch dieser Closer hebt sich kaum vom Rest des Albums ab. Die Enttäuschung ist phänomenal und hochoffiziell. Das Herz im Kopf pochte anfänglich vor Spannung. Statt Überschwang jetzt Überdruss? Was zur Hölle?

Zweiter Hördurchlauf: Das erste Vorspiel ist missglückt. Dem Rezensenten ist elend zumute. Wie die Zweifel loswerden und zurück zur Unvoreingenommenheit gelangen? Das Unterfangen ist aussichtslos, denn auch "Short wave radio" und "Tropics" bieten keinen Pegelausschlag. Aufsteigende Wut vor der hausgemachten Langweile übermannt den Ärmsten. Alle Songs wirken durch ihre Überlänge aufgeschwemmt. Wie in einem solchen Fall dem eigenen Hörgefühl mit Worten gerecht werden? Schließlich muss alles bald aufs Papier. Beziehungsweise auf dessen digitales Pendant.

Dritter Hördurchlauf: Ratlosigkeit. Der Rezensent ist wieder bei "Mission sunset" gelandet. Die Augen sind geschlossen. Ein Moment von Zeitlosigkeit stellt sich ein. Irgendwann ab Minute 1:42 springt ihn dann dieser dezente Umschwung an, den er zwar registriert hat, der dann aber doch unbeachtet geblieben ist. Bryant Clifford Meyers Gitarrenmelodie verweht da in stiller Größe. Es folgt ein langsamer Spannungsaufbau. Die Zeile "Staring at the horizon" haucht es ganz nah am Ohr, dann überschlägt sich Morenos Stimme langsam. Ein Klanggefühl wie das Treiben in einem Meer aus Sternen. Später bei "Tropics" singt er zu The Verve-Klangschichten die Zeile "I kissed you goodbye", alles klingt immer einnehmender und fordernder, und Stück um Stück fügt sich langsam das große Konzept zusammen.

Nach dem zigsten Hördurchlauf sind die Bedenken vollkommen ausgeräumt. Die Enttäuschung ist verflogen. Das Gefühl für Differenzen stellt sich wieder ein. "Palms" braucht seine Zeit. Es ist keine schlichte Isis-Deftones-Symbiose, wie sie sich der vorschnelle Rezensent erhoffte. Auf diesem Debüt ist nichts einfach, dafür umso größer, wobei das Große sich hinter dem Kleinen verbirgt. Das Verborgene ist offenkundig, und das Offenkundige will erarbeitet werden. Damit ist die Welt wieder gerettet. Zumindest die des Rezensenten.

(Peter Somogyi)

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Highlights

  • Future warrior
  • Mission sunset

Tracklist

  1. Future warrior
  2. Patagonia
  3. Mission sunset
  4. Short wave radio
  5. Tropics
  6. Antarctic handshake

Gesamtspielzeit: 45:38 min.

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