Dark Tranquillity - Construct

Dark Tranquillity- Construct

Century Media / EMI
VÖ: 24.05.2013

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Das Zerreißbrett

Zu den schlimmsten Dingen, die einem Künstler passieren können, gehört der Moment, an dem er nicht mehr kreativ sein kann – die klassische Schreibblockade. Wenn die Basis des Schaffens wegbricht und das Blatt auf dem Schreibtisch höhnisch weiß strahlt, kann das durchaus zu einer Sinnkrise führen. Und sogar zur Zerreißprobe werden: Bei Mikael Stanne, Frontmann und Hauptsongschreiber von Dark Tranquillity endete es nämlich in einer ausgewachsenen Depression, als sich kreative Leere und der Frust darüber immer weiter befeuerten. Wenn aber die alten Rezepte nicht mehr funktionieren, müssen neue Reizpunkte gesetzt werden. Im Fall der Schweden hieß das: neuer Produzent und zwecks neuer Spontaneität Songwriting im Studio statt im Proberaum.

Neue Wege bedeuten oftmals aber auch dezente Änderungen im bisherigen Stil. Und so dürfte so mancher zu Beginn von "Construct" ob der neuen, mitunter an Paradise Lost erinnernden Düsternis zunächst ähnlich ratlos sein wie Monate zuvor Stanne beim Songschreiben. Doch bei näherer Betrachtung entpuppt sich "For broken words" als würdiger Opener, der ab dem Mittelteil geradezu hymnisch wird, bevor "The science of noise" in hervorragender Manier zeigt, wofür Melodic Death Metal eigentlich steht - eine faszinierende Mischung aus wuchtig marschierenden Riffs, die immer wieder von filigranen Hooks filetiert werden. Und dass der Frontmann zum Beispiel bei "Uniformity" öfter als zuvor zeigt, dass er auch klaren Gesang beherrscht, macht die Mixtur nur interessanter.

Wer jetzt jedoch meint, die Schublade Göteborger Schule sei passé, darf sich zumindest zur Halbzeit des Albums verschämt in die Ecke stellen. Denn "Apathetic" ist nicht weniger als ein Abrisskommando feinsten Ranges, gespickt mit treibenden Riffs und einem teuflisch fauchenden Stanne, der hier die Dämonen seiner Erkrankung nachhaltig davonjagt. Und den Hörer im folgenden "What only you know" in einen wahren Mahlstrom an Emotionen führt, auch wenn es der "Hauptsache Vollgas"-Fraktion nicht gefallen wird.

Wie schon beim Vorgängeralbum "We are the void" werden nämlich vor allem Fans der ersten Stunde mit "Construct" zunächst fremdeln. Und in der Tat passt der Industrial-Einschlag von "Endtime hearts" nicht ganz in den Kontext oder ist der ein oder andere Refrain in der Produktion seiner Kanten beraubt worden. Die Frage, ob die Neuerfindung nun geglückt ist oder ob sich die Schweden lediglich aus der kreativen Not heraus landeren Einflüssen geöffnet haben, ist allerdings spätestens dann beantwortet, wenn mit "Weight of the end" die letzten Anzeichen von Skepsis aus dem Raum gepogt werden: Stanne und Dark Tranquillity geht es wieder bestens. Manchmal muss man eben vom vorgezeichneten Weg abweichen, um voranzukommen.

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • The science of noise
  • Apathetic
  • What only you know

Tracklist

  1. For broken words
  2. The science of noise
  3. Uniformity
  4. The silence in between
  5. Apathetic
  6. What only you know
  7. Endtime hearts
  8. State of trust
  9. Weight of the end
  10. None becoming

Gesamtspielzeit: 42:27 min.

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