Brother JT - The svelteness of boogietude

Brother JT- The svelteness of boogietude

Thrill Jockey / Rough Trade
VÖ: 17.05.2013

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Dinosaur Sr.

Wozu sind wir Schreiber eigentlich da? Um Infos über aktuelle Musik zu liefern? Die sind oft so interessant wie die Nachrichten von gestern, denn was ist schon aktuell? Wegen all den pikanten Details, die man den Künstlern in aufschlussreichen Interviews entlocken kann? Theoretisch eine vortreffliche Sache, doof aber, wenn die Gesprächspartner nur darauf warten, dass die impertinente Fragerei ein Ende hat und sie endlich den Backstageraum verwüsten können. Um Anspieltipps zu neuen Platten zu unterbreiten? Die besorgt man sich inzwischen doch aus diesem Internetz. Schwer ist nun mal der Beruf. Früher hatten Journalisten noch einen ganz anderen Draht zu Musikern: Einer von ihnen verpasste John Terlesky 1990 sogar den Künstlernamen Brother JT, worauf dieser ungestört dem bewusstseinserweiternden Gitarrenhandwerk nachgehen konnte, ohne den Ruf seiner Punk-Band The Original Sins zu gefährden.

1990 war das – inzwischen hat der Mann aus Pennsylvania unzählige Alben auf dem Kerbholz und bekommt immer noch nicht die flächendeckende Aufmerksamkeit, die ihm gebührt. Dass er sich seinen wenig originellen Alias nicht einmal selbst ausgedacht hat, lässt allerdings keinerlei Rückschlüsse auf Terleskys Kreativität zu, die sich längst nicht in schlankem Tänzchen zum Viervierteltakt erschöpft, wie der Albumtitel vielleicht andeutet. No Sir, Brother JT kann nicht nur Boogie. Sondern auch psychedelische Farbenräusche auf der Sechssaitigen, absonderliche Beatbox-Kartons, die alles andere als aus Pappe sind, und vor allem fuzzy Garagenrock mit gekippten Elementen. Näheres entnehme man etwa dem grobgestrickten Hit "T.Rex blues", womit schon eine Menge gesagt ist. Neben Urechsen darf auch an The Black Keys gedacht werden.

Dan Auerbach jedoch wird noch mit der Trommel um den Weihnachtsbaum gerannt sein, als Terlesky zum ersten Mal eine Gitarre in der Hand hielt – und so bezieht sich "The svelteness of boogietude" auch in der Folge auf alteingesessene Vorbilder wie Butthole Surfers oder Scott Walker. Erstere in ihrer frühanalen Phase, in der sie Prä-Grunge mit der Säge zerlegten, Letzterer, bevor Schweinehälften und Flatulenzgeräusche Bestandteil seines Spätwerkes wurden. Denn Brother JT favorisiert vergleichsweise minimale Mittel mit maximalem Effekt: Der Opener "Celebrate your face" shuffelt sonnig daher, bevor ein Gospelchor im Refrain daran erinnert, dass nun einmal jeder allmorgendlich seine eigene Hackfresse im Spiegel sehen muss. "Gliding" und "Mourning dove" hingegen sind zierliche Folk-Delikatessen. Noch alles im grünen Bereich also.

Doch bald geht es ans Eingemachte. Zum Beispiel bei "Sweatpants", einer abseitigen HipHop-Mutation mit bizarr heruntergedrehtem Gesang und Quietscheentchen, der kratzige Blues-Riffs zusätzlich den Allerwertesten aufrauhen. Oder dem kehligen Rocker "Many man smoke", wo Terlesky der Qualm zu zerrendem Gitarrenlärm aus Ohren, Mund und Nase steigt. "I still like cassettes" bekennt sich gar trocken-halbakustisch zu analogen Speichermedien: "These digital days I miss all the hiss / All my old tapes I will reminisce." Und auch dieses köstliche Album wird man nach den Dixieland-Trompeten von "Flotsam and jetsam" in nachhaltiger Erinnerung behalten: "Cause every minute / Got some joy in it." Eigentlich merkwürdig, dass "What I like" nur drei Minuten dauert: Brother JT hätte sicher auch länger etwas zu erzählen. Vielleicht mag ja ein Journalist zuhören?

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Celebrate your face
  • T.Rex blues
  • Sweatpants
  • I still like cassettes

Tracklist

  1. Celebrate your face
  2. Gliding
  3. T.Rex blues
  4. Muffintop
  5. Be a
  6. Sweatpants
  7. Green curtain
  8. Things I like
  9. Somebody down there
  10. Many man smoke
  11. I still like cassettes
  12. Mourning dove
  13. Flotsam and jetsam

Gesamtspielzeit: 49:52 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

U.R.ban

Postings: 36

Registriert seit 17.05.2013

2013-06-21 10:01:23 Uhr
Tolles Album!
Schon teilweise echt strange, aber nie zu abgedreht. Und solche Fuzz-Gitarren mag ich ja grundsätzlich gern. Und das Albumcover ist mal herrlich bescheuert...
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