Rodan - Fifteen quiet years

Rodan- Fifteen quiet years

Quarterstick / Rough Trade
VÖ: 14.06.2013

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Über kurz oder lang

In der kurzen Zeit ihres Bestehens brannte das Louisviller Viergespann Rodan so stark wie viele ihrer Kollegen in ganzen Jahrzehnten nicht. Gerade einmal drei Jahre beziehungsweise eine Langrille hielten sie durch - und als ob sie es geahnt hätten, betitelten Tara Jane O'Neil, Jeff Mueller, Jason Noble und Kevin Coultas eben dieses erste offizielle Dokument ihres Schaffens auch noch als "Rusty". "Fifteen quiet years" sammelt nun, streng genommen 18 Jahre nach der Bandauflösung, die verbliebenen Brocken ein und vereint in erstaunlicher Kompaktheit: eine nie veröffentlichte Peel session aus dem Jahr 1994 sowie einige längst vergriffene Singles und Sampler-Beiträge. Zudem liegt sowohl CD als auch Vinyl ein Download-Code für zehn Live-Aufnahmen bei, die mit "Martin" und "Wurl" Rodans Gesamtsongwriting komplettieren sowie zum eröffnenden "Tooth fairy retribution manifesto" eine der dicksten Bandvorstellungen der Musikgeschichte präsentieren. Wie hier der mehrfach herausgebrüllte Bandname zunächst von Coultas' Einstiegsbeat vorangekickt, dann aber vom ersten Riff feist geschluckt wird, fasst all die Kraft, die Rodan auszeichnete, nahezu perfekt zusammen.

Große Assoziationen also zu großen (und sehr lauten) Namen, die Rodan und die Folgen stets begleiteten: So produzierte Shellacs Bob Weston nicht nur das, letztlich schlicht nach ihm benannte, "Rusty", sondern werkelte auch anschließend im Wechsel mit Bandkollege Steve Albini bei vielem mit, was der Viererpack nach dem Rodan-Ende anfasste. Ob der Artrock von June Of 44, der Atmo-Folk von O'Neils Soloarbeiten, Rachel's Kammer-Klassik oder der engmaschige Postcore von Shipping News - auf die ein oder andere Weise waren sie stets mit dabei. Und auch Quarterstick / Touch And Go fühlten sich zu "Fifteen quiet years" berufen, für ihre Langzeit-Schützlinge noch einmal aus dem selbstverordneten Dornröschenschlaf zu erwachen. Vor allem aber galten Rodan lange Zeit als zweite Generation des prägenden "Louisville-Sound", der nach der Initialzündung durch Slints "Spiderland" leider ebensohäufig als Ehrentitel wie als Plagiatsplakette verliehen wurde. Unfair wie eh und je, zumal die Gemeinsamkeiten zwar deutlich sind, die Unterschiede jedoch mindestens ebenso.

Waren Slint ab der erste Note die Gefängniswärter ihrer selbstgeschaffenen Klaustrophobie, so schlugen Rodan wie Derwische durch eben diese. Im Ergebnis bedienten sie neben den Louisville-Trademarks aus Spoken-word-lyrics, krumm getakteten Gitarrenschleifen und einer Menge Luft in den Arrangements sehr viel mehr Punk, viel mehr Noise und durchaus mehr Jazz als die Urväter des Genres. So wird auch auf "Fifteen quiet years" im Grunde jeder, reichlich vorhandene 4/4-Takt von manisch-depressiven Betonungen aufgeknackt, sodass der erste noch leicht verwirrte Eindruck unmittelbar in einem einzigen riesigen "Wow" explodiert. Letzteres offenbart sich beim zehnminütigen Instrumental-Brocken "Before the train" sowie "Big things, small things" vorrangig durch Coultas' synkopenwütiges Schlagzeugspiel. Doch auch Original-Schlagzeuger Jon Cook platziert in der im Vergleich zu ihren "Rusty"-Brüdern weitaus rougheren Produktion von "Shiner 92" und "Tooth fairy retribution manifesto 92" jeden Bass-, Snare- und Beckenschlag genau dort, wo er vermeintlich gar nicht hingehört. Zugleich spielt er aber wie Coultas mit einem derartigen Nachdruck, dass er sich ebenso machtvoll an allen Zweifeln vorbeidrängt wie die Vier- bis Sechssaiter seiner Bandkollegen, deren Four-to-the-roar nach allem klingt, nur nicht nach kerzengerader Zählzeit.

Auch sonst zeigt "Fifteen quiet years": Die Mischung, die Rodan hatten, war überaus perfekt. Gerade genug Screamo, um das Energielevel auf Hardcore-Höhe zu hieven - doch eindeutig zu wenig, um in Machismo oder White-Vorstadtbubis-can't-sing auszuarten. Genug Mathrock, um dem eigentlich noch gar nicht erfundenen Genre einen gehörigen Tritt zu verpassen - doch auch zu wenig, um sich vom eigenen Krümmungswillen das Kämpferherz ausreißen zu lassen. Ein wenig Klangforschung, um die Ratlosigkeit der Hörer angemessen wiederzuspiegeln. Stets gegenläufige, doch sich perfekt ergänzende Gitarrenriffs und -phrasen. Bassfiguren, die den langen Weg von New Order zu Nomeansno auf Backpfeifenweite eindampften. Beats zwischen breiten Kopfnickern, Funk und Jazz. Sowie eine Menge postrockende Melancholie, die sich hier allerdings noch wie eine Schlange durch all das Getümmel windet und teils kompromisslos niedergeknüppelt wird - spürbar auch in O'Neils Gesang, der sich zunächst noch als beruhigende Gegenkraft durch das stets explosionsbereite "Sangre" krümmt, dann aber Magensäure durch den Hintergrund eines aufziehenden 5/4-Taktes spuckt.

Ein dicker Wermutstropfen ist sicherlich, dass "Fifteen quiet years" ein einmaliger Aufschrei bleiben wird: Mit Jon Cook sowie Gitarrist/Chef-Souffleur Jason Noble verstarben in den letzten Monaten gleich zwei maßgebliche Bandmitglieder (R.I.P.). Und insbesondere mit Nobles Ableben sind auch Shipping News und Rachel's mindestens angezählt. Damit ist "Fifteen quiet years" - edel verpackt in von Muellers Druckerei "Dexterity Press" ausgearbeitetem Typendruck - zu gleichen Teilen ein beeindruckendes Dokument, eine willkommene Reminiszenz sowie ein schmerzvoller Abschied - vor allem aber natürlich voller großartiger Musik und ausgestattet mit einer Präsenz, die keine Wehmut zulässt. "A fire in its heart will not let it die / It roars and fumes and cries all day / Shoot me out the sky / Pop-pop! / Down goes the enemy." Nein, ihr größter Feind waren Rodan keinesfalls selbst. Vielmehr klangen sie, als schössen sie in alle Richtungen zugleich. Auch in diesem Sinne: ein US-amerikanischer Klassiker. Jetzt schon, immer noch.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Darjeeling
  • Sangre
  • Big things, small things
  • Before the train

Tracklist

  • CD 1
    1. Darjeeling
    2. Milk and melancholy
    3. Tron
    4. Shiner 92
    5. Tooth fairy retribution manifesto 92
    6. Exoskeleton
    7. Sangre
    8. Big things, small things
    9. Before the train
  • CD 2
    1. Tooth fairy retribution manifesto (Live, Download)
    2. Wurl (Live, Download)
    3. Big things, small things / Martin (Live, Download)
    4. Before the train (Live, Download)
    5. Milk and melancholy (Live, Download)
    6. Wurl (Live, Download)
    7. Darjeeling (Live, Download)
    8. Big things, small things (Live, Download)
    9. Exoskeleton (Live, Download)
    10. Rocket House pre-show (Live, Download)

Gesamtspielzeit: 118:54 min.

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