Kolkhorst - Soziale Romantik

Kolkhorst- Soziale Romantik

Tapete / Indigo
VÖ: 17.05.2013

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Nur ein bisschen gute Luft

Längst verschüttet geglaubter Deutschrock holt sich seine Würde zurück? Doch, so was gibt es noch. Gestatten, Kai-Uwe Kolkhorst, Krankenpfleger von Beruf, freidenkender Musikus aus Passion und des Tourlebens in vollen Zügen überdrüssig. Was macht er also als erstes? Holt sich Leute mit Führerschein, Navigations-Uschi und eigenem Kleinbus ran. Um nachfolgend den elektronischen Firlefanz seines versammelten Backkataloges von "Pizza Amore" bis zu "Das bisschen Hollywood" auf die hintere Ladefläche zu kippen, damit die angeheuerten Kumpels vorne besser sitzen und was sehen können. Zu hören gibt's bei dem, was die versammelte Klangkommune gemäß seiner Vorgaben aus dem Studioboden gehobelt hat, ohnehin jede Menge. Dabei lässt es sich viel lässiger durch die Landschaft fahren, mit Bockfenster auf Kipp. Schließlich wollen gute Gedanken adäquat belüftet sein.

Ebendie hat er sich gemacht. "Soziale Romantik" ist angesichts der monetären Besitzkontraste im Volk eine herbe Provokation, aber zugleich das vollkommen schlüssige Prinzip eines Albums, welches wirklich eines sein will und nicht bloß Teil einer siechen Jugendbewegung im Plattentests.de-Redaktionsmülleimer. Hier werden Standpunkte bezogen, nötige Fragen aufgeworfen und Stolperfallen gelegt, denen es sich zu stellen gilt. Im Zweifel immer für den Zweifel.

Ja, liebes Indievolk, "das ist kein Spiel, das ist mein Leben". Die Fronten sind schon beim Kaltstart geklärt. Unter spärlicher Instrumentierung und mit nachdenklichem Gestus macht sich eine zwielichtige Stimmung voller Hoffen und Bangen breit, die in der deutschen Szenerie seit Achim Reichels zwingender "Blues in blond"-Kooperation mit Jörg Fauser oder Wolf Maahns energetischem "Irgendwo in Deutschland"-Manifest als "unbekannt verzogen" galt.

Da besagte Platten inzwischen unter dem absurden Sammelbegriff "Oldies" vor sich hin stauben, wurde es allerhöchste Eisenbahn für eine Rückbesinnung. Diese wiederbeschworene, rumorende Zukunftsangst ist es ja, die einst das Lebensgefühl des Kalten Krieges ausmachte und die sich heute auf dem Nährboden von sozialer Ungerechtigkeit und neoliberaler Zerstörungswut gedeihend erneut gegen die Menschen erhebt. Der Maestro nimmt sich fromm heraus, derlei Dinge beim Namen zu nennen, meidet dabei aber billigen Nihilismus oder die larmoyante Haltung mancher Fachkollegen. Dem stellt er ein klares "irgendwie geht es weiter, mach' nicht so'n Gesicht" entgegen. Selbsterfüllung als Prophetie.

Kolkhorsts wichtigster Kniff gilt ohnedies der schnodderigen Leichtigkeit, mit der er seine Drei-Minuten-Grübeleien unterfüttert. War sie es doch, die die ersten Türen-Alben bestimmt und so hinreißend anders gemacht hat. Ja, der Geist Maurice Summens bleibt hier allgegenwärtig. Nur, dass Songs wie "Gossenkind" oder "Hamburg City" dessen verschachtelte Subversion durch eine unverblümte Ansprache ersetzen. Kai-Uwe macht schließlich keine Mätzchen, sondern Musik. Und das seit einer Zeit, in der er auf der Straße stand und für das gemeine Volk sang. Diese Bodenständigkeit hat er sich bis heute bewahrt. Sie lässt ihn mit offenem Herzen in die Welt horchen. Was zur Folge hat, dass seine Lieder ebenso leumündig zum Hörer sprechen. "Fällt ein Licht" ist trotz sachter Lindenbergscher Düdeligkeit eines dieser Geräte und zugleich ein unprätentiöses Plädoyer sowohl für die Liebe als auch das gesamte Album.

Es war ein weiter Weg bis hierher, der sich gelohnt hat. Kolkhorst ist ein Meilenstein in Sachen Kurzweiligkeit, Atmosphäre und Finesse gelungen. Wenn jetzt noch alle dazu tanzen, dann hat er sein Ziel erreicht und darf wieder nach draußen, durchatmen.

(Andreas Knöß)

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Highlights

  • Das ist kein Spiel
  • Soziale Romantik
  • Steppenwolf
  • Wenn alle tanzen

Tracklist

  1. Das ist kein Spiel
  2. Ein neuer Tag
  3. Kopf hoch oder Zahl
  4. Mädchen
  5. Es ist so schön
  6. Gossenkind
  7. Fällt ein Licht
  8. Hamburg City
  9. Soziale Romantik
  10. Steppenwolf
  11. Wenn alle tanzen

Gesamtspielzeit: 37:13 min.

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  • Kolkhorst (1 Beiträge / Letzter am 02.07.2013 - 13:55 Uhr)