Skinny Puppy - Weapon

Skinny Puppy- Weapon

Metropolis / ZYX
VÖ: 31.05.2013

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Willkommen in Vancouver

30 Jahre Relevanz schaffen nicht viele Bands. Wer an dieser Stelle Die Ärzte oder Die Toten Hosen anführt, geht sofort barfuß und ohne Nachtisch ab ins Bett. Skinny Puppy aus dem kanadischen Vancouver sind so ein Juwel. Als pubertäres Schlafzimmer-Gebastel entstanden, entfernten sie sich mit jeder Platte weiter von ihrem Gruselcomic-Gehabe und emigrierten zudem in die USA, da sie dort unter den ganzen Psychopathen weniger auffielen. Zum anstehenden Dienstjubiläum bleibt das Duo seiner Devise "Für Fortschritt und Wahnsinn" treu und kehrt grimmen Blickes heim in seine künstlerischen Laichgründe. Die da sind: Dreck, Wut und Electronic Body Music im geöltesten Sinne. Kevin Crompton und Kevin Ogilvie wühlen indes nicht blind in den eigenen Ruinen herum, sondern präsentieren sich aufgeräumter und eingängiger denn je und zudem thematisch in der Wunde der Zeit. Wenn es einen fundierten Abgesang auf die Spaßgesellschaft gibt, dann in Gestalt dieser Scheibe.

"Weapon" erzählt die unendliche Geschichte vom Töten, faszinierend und beängstigend zugleich. Weil sich alles um das Zerstörerische im Menschen dreht, das jäh zu Tage tritt, als Möglichkeit jeden Einzelnen berührt und ganze Landstriche ins Verderben reißen kann. Übertrüge man Entwicklungsdrang und globale Einflussnahme der westlichen Waffenindustrie auf karitative, kulturelle und transzendente Bereiche, ergäbe das ein Paradies auf Erden und wäre zugleich der Dorn im Auge weltlicher Entscheidungsträger. Daher hat diese Interessensgruppe einen servilen Agitationsapparat entworfen, der ihr schändliches Tun glorifiziert und als Unterhaltungsware verschleiert: Waffen sind cool und sexy, aber gewiss nicht ächtenswert, liebe Freunde! Wer's glaubt, wird nicht selig.

Die Brüche menschlichen Handelns zu beweinen, ist die eine Sache - Sänger Ogilvies Art, diesen Widerspruch zu kanalisieren, eine völlig andere. Hat er mit seiner Kunstfigur Nivek Ogre doch einen imaginären Freund geschaffen, der als Babysitter nur geringe Chancen auf dem Arbeitsmarkt gehabt hätte. Mit einer Stimme aus metallener Schwefelsäure und einem Äußeren aus dem Labor für Verhütungsmittel fräst sich der Knabe volle Lotte durch die Schädel seiner Zuhörer. Dabei träufelt er seine hinterhältigen Phrasen mit einem Grinsen, das nicht aus dieser Welt stammt, in das Gedächtnis seiner Opfer. Den Rest besorgt Maschinenwart Crompton mit seiner Oszillatoren-Batterie, die einem städtischen Fuhrpark gleicht. Da ist vom sehnsüchtigen Schluchzen über stolzes Getöse bis zu den letzten Abgründen des 4/4tel-Taktes alles dabei - die Polterkammer dieses Mannes hält für jeden Wunsch den passenden Radau parat, und sei er noch so abseitig.

Sind das am Ende alles nur Übertreibungen? Vielleicht. Andererseits wollen selbst diese zwei nur auf den Arm des Hörers und wählen dazu keinesfalls die volle subsonische Breitseite. Sie gehen lieber den mittleren Weg und spicken ihn feixend mit ihren ureigenen Boshaftigkeiten und Reminiszenzen. So weist "Wornin'" mit seinen tirilierenden Drumsounds und den furztrocken pluckernden Bass-Sequenzen auf die Grundidee hin: 1984 war es, als Skinny Puppy mit dem knochenschälenden Minialbum "Remission" aus ihren Löchern krochen und kaum, dass sich die Independentwelt von diesem Schock erholte, mit "Bites" noch eine Schippe drauflegten. Aus dieser Zeit stammt das unsterbliche "Assimilate", dessen moderiger Faszination sich kein Electro-DJ auf der Welt entziehen mochte.

Heute heißt der Überflieger des Albums "illisiT" und pumpt sein Rattengift mit geschmeidigen 123 BPM in die zerbröselnden Gehörgänge. Wie früher möchte sich der Hörer dazu gleich seine Pulsadern mit den bloßen Fingern herausreißen. "saLvo" und "gLowbeL" bieten in ihrer rostig-lässigen Art Gelegenheit, sich ein passendes Beschwörungsopfer für das folgende "Solvent" auszusuchen. Handelt es sich dabei schließlich um das Kernstück des besagten Debüts, das hier noch voluminöser und dunkler funkelnd erschallt und überraschenderweise die erste wirkliche Neubearbeitung eines uralten Stückes aus eigenem Bestand darstellt.

"ParagUn" bietet hingegen eindeutige Hinweise auf die Zukunft des Duos - als düstere Melange aus Eingängigkeit und erfrorener Wut, die nur in der gesteuerten Katalyse von Schmerz und Rhythmik Erlösung findet. Eine Weltformel für den Sound Skinny Puppys? Eher nicht. "Survalisto" und "Terminal" fügen ungewohnte Leichtigkeiten hinzu, die sogleich bei "Tsudanama" und "PlastiCage" wieder ihrer Eingeweide beraubt werden. Niemand sollte sich auf Dauer absolut sicher sein, dass diese kanadischen Glückskekse nicht künftig genauso extrem Widerborstiges enthalten könnten. Es ist an der Zeit, sich dieser Tatsache zu stellen.

(Andreas Knöß)

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Highlights

  • illisiT
  • Solvent
  • ParagUn
  • PlastiCage

Tracklist

  1. Wornin'
  2. illisiT
  3. SaLvo
  4. gLowbeL
  5. Solvent
  6. ParagUn
  7. Survivalisto
  8. Tsudanama
  9. PlastiCage
  10. Terminal

Gesamtspielzeit: 44:48 min.

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  • Skinny Puppy (40 Beiträge / Letzter am 09.02.2014 - 01:30 Uhr)