Sportfreunde Stiller - New York, Rio, Rosenheim

Sportfreunde Stiller- New York, Rio, Rosenheim

Vertigo / Universal
VÖ: 24.05.2013

Unsere Bewertung: 4/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Niveau ist keine Creme

Wenn man die Chance hat, den Dokumentarfilm zum zehnten Geburtstag des Immergut Festivals zu sehen, dann wird man dort auch auf die Anekdoten erzählenden Sportfreunde Flo und Peter treffen. Als Band der ersten Stunde innerhalb der sich neuformierenden deutschen Indierock-Szene der Jahrtausendwende stehen sie dort Rede und Antwort. Dabei kommt der Zuschauer nicht drumherum, dieser zurückliegenden Szenezugehörigkeit 13 Jahre später eine gewisse Realitätsferne zu attestieren. Und man hat das Gefühl, auch dem Trio selbst kommt das inzwischen irgendwie spanisch vor. Nach 2007 erscheint nun mit "New York, Rio, Rosenheim" der erste wirkliche Nachfolger von "La Bum" - schafft es aber auch nicht, das über die Jahre durch Albumveröffentlichungen konstant ramponierte Denkmal der Band wieder zu entbeulen.

Dabei klingt "Hymne für Dich" noch nach typischer Sportfreunde-Kost: keine besonders raffinierte Komposition aber ein Song mit charmanter, schulterklopfender und zuversichtlicher Kernaussage, der auch auf allen anderen Platten seit "Burli" funktioniert hätte. Auch die nachfolgenden Stücke inklusive der Single "Applaus, Applaus" treiben in diesem Fahrwasser und sind zumindest theoretisch stimmig in einem aktuellen Liveset denkbar. Das Bekenntnis zur "Lederjacke" hat zudem den Gitarrensound und die sympathische Unbeschwertheit der Anfangstage und geht damit ebenfalls in Ordnung. Große Sprünge sind das jedoch nicht - eher redundante Ergänzungen von schon Dagewesenem. Und Zeilen wie "Wir strahlen wie ein Reaktor nach nem Pilzrisotto" im Titelstück lassen vor allem jede Menge Fragezeichen zurück.

Mit "Unter unten" kommt dann der erste richtige Nackenschlag. Zwischen "Zicke zacke hoi hoi hoi"-Rufen und "Wir schnuppern kurz an einer Brust / Hui, die Hand bekommt Wanderlust" passt nur noch ein unglaublich aufdringlicher Mitgröhlpart im Refrain, der wohl kaschieren soll, dass dieses Mal keine Fußballanspielungen Platz auf dem Album gefunden haben. Dafür sind nun aber - apropos Brust - das erste Mal die Worte "Fick" und "Pimmel" auf einem Album der Münchener vertreten. Niveau ist keine Creme, liebe Anfang-Vierziger. Die Meinung, dass "Es muss was Wunderbares sein (von mir geliebt zu werden)" irgendwie nach Rammstein klingt, hat der Promotext exklusiv - wohl abgeleitet von ein paar SM-Begriffen, die zur Abwechslung Schlagzeuger Florian Weber in der Rolle eines Egomanen singt.

Und auch auf die Gefahr hin, ein Rudi-Völler-Gebaren heraufzubeschwören: Es gibt noch einen intensiveren Tiefpunkt. Die textlichen Aussetzer in "Let's did it" kann man nämlich gar nicht alle aufzählen, und auch über die knarzig-verzogene Singstimme und den pseudo-wabernden Zwischenteil kann man leider nur den Kopf schütteln. Ebenso darüber, dass sich die Band auf dem Immergut Festival 2012 kurzzeitig ausgerechnet nach diesem Song umbenannte. Hätten sie ihren Auftritt stattdessen mit dem missglückten Innovationsversuch begonnen, hätte sich der Erfolg, unentdeckt vor wenigen Leuten zu spielen, wohl problemloser eingestellt. Vielleicht wäre das Stück dann letztlich auch in der Produktion von "New York, Rio, Rosenheim" gescheitert und der Platte folglich ein halbgares Experiment erspart geblieben. So aber bleibt nur der Eindruck, die drei Bayern würden noch immer mitten in ihrer langen Kreativpause stecken.

(Andreas Menzel)

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Highlights

  • Hymne auf Dich
  • Applaus, Applaus

Tracklist

  1. Hymne auf Dich
  2. Wenn Pferde schlafen
  3. Applaus, Applaus
  4. New York, Rio, Rosenheim
  5. Unter unten
  6. Es muss was Wunderbares sein (von mir geliebt zu werden)
  7. Clowns & Helden
  8. Festungen und Burgen
  9. Wieder kein Hit
  10. Lederjacke
  11. Let's did it
  12. Wunder fragen nicht

Gesamtspielzeit: 39:31 min.

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Demon Cleaner

Postings: 5648

Registriert seit 15.05.2013

2013-11-07 14:34:31 Uhr
"Applaus, Applaus" ist schon ein ziemlich Ohrwurm und zählt zu den peinlichen Lieblingsliedern der Jahres bei mir.
Das Album an sich ist aber wirklich schwach.
monacomike
2013-11-06 11:19:39 Uhr
Tut mir Leid, aber das ist eines der übelsten und schlechtesten Alben, die je eine deutsche Band verbrochen hat. Dies hat nicht mal Bierzeltniveau und wenn Schrottmusik klein machen würde, könnten die Stiller-Jungs unterm Teppichboden Fallschirmspringen!!! Würg!
Andreas
2013-09-11 22:04:10 Uhr
Wenn's bald um heimliche Hits oder peinliche Lieblingssongs geht: NY , Rio , Rosenheim ist bei mir dabei!
Unverfechter
2013-09-11 21:02:37 Uhr
Ich kann den Hass auf die Band so richtig verstehen - weil sie von Album zu Album schlechter werden.

Es gibt tiefsinnigere, musikalischere und deutlich anspruchsvollere Bands. Sehr viele.

Sie sind nicht nur kommerzieller geworden - was OK ist - sondern musikalisch und textlich über weite Teile einfach nur noch peinlich.
Ohne den kalkulierten Hit "54, 74, 90, 2006/2010" würde nach ihnen wohl zurecht kein Hahn krähen.

Knallhart sind die Sportis nur im sich selbst untertreffen.
Verfechter
2013-09-10 20:37:47 Uhr
Ich kann den Hass auf die Band eigentlich nicht so richtig verstehen - weil genau das gehasst wird, was sich die meisten vom modernen Musikgeschäft wünschen würden ...

Sicher: es gibt tiefsinnigere, musikalischere und deutlich anspruchsvollere Bands.
Und Ja - die Sportis sind mit zunehmendem Bekanntheitsgrad kommerzieller geworden. - aber wer kann es einem Musiker verübeln, wenn er gut von seiner Musik leben kann?
Und nur die wenigsten nehmen sich auch wirklich eine Auszeit, wenn sie sagen, dass sie das vorhaben.
Ich bin sicher, die Sportis kotzt es auch an, dass se nur auf "54, 74, 90, 2006/2010" reduziert werden.

Ich finde es super lässig, ein Stück wie "wieder kein Hit" auf eine kommerzielle CD zu setzen, wo nicht nur mit übersteigenden Erwartungen kokettiert wird, sondern auch knallhart die Grammatik gebogen wird (... dafür schwob ich auf Wolke 7).
Das würde ich mir so viel häufiger von deutschen Künstlern wünschen. Das ist - in bestem Sinne - independent. Und genau das wollen wir; zumindest ich.
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