Kadavar - Abra Kadavar

Kadavar- Abra Kadavar

Nuclear Blast / Warner
VÖ: 12.04.2013

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

So (k)einen Bart

Kontrafaktische Geschichtsschreibung ist mehr als eine Fingerübung für Science-Fiction-Autoren. Damit befassen sich auch echte Forscher mit Doktortitel und Professuren an staatlichen Universitäten. Das, was nicht geschehen ist, finden wir interessant, eben weil es anders ist als unsere langweilige, bekannte Gegenwart und Vergangenheit. Da ist zum Beispiel die Frage, die jeden US-Amerikaner sein Leben lang quält: Was wäre, wenn die Südstaaten den Bürgerkrieg gewonnen hätten? Oder die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts: Was wäre, wenn Franz Ferdinand seinen Besuch in Sarajewo überlebt hätte? Oder die Wunschvorstellung der verträumten Linken: Was wäre, wenn das mit dem Kommunismus tatsächlich geklappt hätte in der Sowjetunion?

Die ernüchternde Antwort, die die meisten Experten auf diese Fragen geben, ist meistens: Alles wäre in etwa so wie jetzt. Einzelne Ereignisse haben nicht den großen Einfluss auf den Lauf der Geschichte, den man ihnen in rückblickender Romantisierung so oft zutraut. Kadavar bringen nun immerhin ein wenig Licht in diese Gedankenspielchen - zumindest im Hinblick auf die Musikgeschichte. Zum einen wissen wir nun, wie ABBA ausgesehen hätten, wenn sie nur zu dritt gewesen wären, dafür aber allesamt einen Bart getragen hätten. Und zum anderen wissen wir, was anders wäre, wenn Kadavar ihr zweites Album vor 40 Jahren aufgenommen hätten. Die Antwort? Nun ja, unspektakulär. Zum einen würde "Abra Kadavar" wohl exakt genauso klingen. Und zum anderen macht im Jahr 2013 vielleicht niemand so eine Aufregung um die anstehende neue Platte von Black Sabbath.

Bevor jetzt jemand "Blasphemie!" schreit, sollte gesagt werden, dass Ozzy Osbourne und Co. ihren Platz in der Geschichte ganz sicher völlig zu Recht einnehmen. Aber ein Studioalbum mit Ozzy Osbourne nach 35 Jahren kann ja angesichts der Erwartungen nur genauso enttäuschen, wie der Zweitling einer Waldschrat-Band aus Berlin begeistert. Was die lange Vorrede ausdrücken will: Das Wunderbare an dieser Platte ist, dass sie tatsächlich existiert, ebenso großartig wie vollkommen aus der Zeit gefallen ist und sich nicht ein bisschen vor den offensichtlichen Vorbildern verstecken muss. "Abra Kadavar" ist eben kein Gedankeninstrument. Drei sehr bärtige Typen aus Deutschlands derzeit sehr Elektro-infizierter Hauptstadt sind tatsächlich in ein Tonstudio gegangen und haben mit uralter Analogtechnik ein so staubiges und authentisch-ursprüngliches Rockalbum aufgenommen, dass selbst die Verbreitung als mp3 dem rohen Sound nichts anhaben kann. Und das alles ist bereits zum zweiten Mal passiert.

Während ihr Debüt in einer ironischerweise schon wieder arg hippen Verweigerungshaltung ursprünglich ausschließlich auf Vinyl zu haben war, lassen Kadavar diesmal von Beginn an jeden ran. Und das ist auch gut so, denn im Endeffekt ist es nicht wichtig, wie man diese Musik hört, sondern dass sie gehört wird. Wie sonst sollte man sich verneigen vor "Doomsday machine", der schönsten Liebeserklärung an Black Sabbath, seit Kyuss "Into the void" gecovert haben? Jedes Riff, jede Variation sitzt wie Arsch auf Eimer, die Basssaiten pluckern bei jedem Anschlag und die Becken scheppern mit dem Gesang um die Wette.

In "Eye of the storm" jault die Gitarre zu schwerem Blues im Schweinsgalopp, während Sänger Lupus Lindemann den Mond anheult. Trotz aller Bezüge an die Frühzeit des Metal behält sich die Band einen angenehmen, weil niemals überstrapazierten Hang zur Eingängigkeit vor. Zu nennen wären zum Beispiel das leichtfüßige "Dust" oder die Single "Come back life" mit ihrem fast hymnischen Refrain und der absolut ohrwurmigen Gitarrenmelodie. Auf der anderen Seite steht das Stoisch-Psychedelische, wie in dem sich manisch verdichtenden "Liquid dream" oder der Effekt-Überdosis "Rhythm for endless minds". Am Ende stimmt die Balance mit traumwandlerischer Sicherheit. Das ist Fakt, keine Fiktion. Und sicher interessanter als ABBA mit mehr Bärten.

(Maik Maerten)

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Highlights

  • Come back life
  • Doomsday machine
  • Rhythm for endless minds

Tracklist

  1. Come back life
  2. Doomsday machine
  3. Eye of the storm
  4. Black snake
  5. Dust
  6. Fire
  7. Liquid dream
  8. Rhythm for endless minds
  9. Abra kadabra

Gesamtspielzeit: 41:16 min.

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