Tricky - False idols

Tricky- False idols

!K7 / Al!ve
VÖ: 24.05.2013

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Geister, die ich rief

Adrian Thaws Dämonen kehren immer zurück. Wie gerufene Geister. Mit jedem neuen Album hockt die gebannte Schar geifernder Hörer dem Geier gleich auf der Lauer, um Trickys neues "Maxinquaye" in Empfang zu nehmen, oder jeden neuen Output mindestens am 1995er Meisterwerk des genialischen Tausendsassas zu richten. "Maxinquaye" ist ein solcher Dämon, steht er nicht allein als Mahnmal des mütterlichen Suizides, sondern leitet zugleich den biographisch konnotierten, musikalischen Entwicklungsweg des Bristoler Künstlers ein, dessen Werke wie Monumente aus der inneren Verfasstheit in die Außenwelt emporragen. Gab er einmal selbst zu Protokoll: "My music is me".

Doch ein weiteres "Maxinquaye" folgte nicht. Stattdessen kam nach einer Phase kreativer Experimentierfreudigkeit in den späten 1990ern und der kreativen Öffnung "Blowback" das emotionale Zugeständnis an die im Dunkeln des Verstandes huschenden Geister der inneren Verletzlichkeit mit "Vulnerable" sowie die Knechtschaft des Selbst mit nostalgisch entromantisierten Reminiszenzen an das Umfeld der eigenen Sozialisation mit "Knowle West boy". Auch nach dem Zwischenstop "Mixed race", das die Freiheit mit Fesseln von den eigenen Fesseln anstrebte, wollte nicht klarer werden, wohin die Reise ins Herz der Finsternis des Adrian Thaws geht. "Für Jahre war ich nicht ich selbst", sagt Tricky. "False idols" nun handele genau davon, wie er wieder zu sich selbst fand. Erneut ist es kein "Maxinquaye" geworden. Nein, besser. "False idols" vereint die gesamte Entwicklung des Engländers, spitzt sie trichterförmig zu und steht, obwohl die Nähe zu 1995 gesucht wird, dennoch einsam in seiner Größe für sich mit fünfzehn Liederblüten, schöner und erhabener als alles andere in seinem Schaffen.

"Somebody's sins" besteht hauptsächlich aus der extrapolierten Melodie und dem Text von Patti Smiths "Gloria": "Jesus died for somebody's sins but not mine", hauchen Tricky und Fran Belmonte zu einer rauhen, erdhaften Stille aus Bass und hängenden Spinnfäden-Beats. Mit Jesus werden die "False idols" metonymisch aufgerufen. Das sind jene konsumunersättlichen Stars und Sternchen, die mit kaugummirotem Mund die neuesten Produkte der Schönheitschirurgie an ihren verwesenden Leibern präsentieren und als Idole eines sexualisierten Jetsetkapitalismus die Rolle phantasmatischer Erlöser im Fokus der Schweinwerferlichter einnehmen, deren Leben der 08/15-Bürger im Nachvollzug durch die Klatschpresse zu leben meint. So bleibt kaum mehr zu sagen, als der Titel des reggae-dub-trancigen "Nothing matters" andeutet: Nichts zählt.

Das minimalistische "Valentine" entführt stattdessen in halbdurchsichtiges Percussion-Zwielicht, um von dem mächtigen The-Antlers-Cover "Parenthesis" emporgezogen, in das streicherdominierte 1990-Requiem "Nothing's changed" zu fallen. Wer ehrlich ist, wird zugeben, dass "Maxinquaye" von seiner einnehmenden Atmosphäre lebte, wo Musik kaum als solche erkennbar war, sondern einen Platzhalter für die freischwebende Bedeutung synästhetischer Erfahrung darstellte. Der gleiche Modus Operandi liegt auch "False idols" zugrunde. "If only I knew", das funkige "Is that your life", oder "Hey love" rücken Trickys Vision wieder in Richtung atmosphärische Metabedeutung.

"Unter all meinen Alben stehen die meisten auf 'Maxinquaye'", gesteht der Meister und ergänzt: "Aber musikalisch ist 'False Idols' das bessere Album." Wie recht er damit hat. Dies unterstreicht "Passion of the Christ". Ein Schelm, wer jetzt an Mel Gibson denkt. Nicht nur schließt Tricky die thematische Klammer der Vorstellungswelt des sterbenden Erlösers als Lamm Gottes und Sinnbild falscher Götzen, sondern legt mit "False idols" vermutlich die beachtlichste Glanzleistung seiner Karriere hin. Es ist zu wünschen, dass die alten Geister, die er rief, hiermit verbannt werden und nicht nur die gefakten Abziehbilder von traurig stolzierenden Celebrities.

(Peter Somogyi)

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Highlights

  • Valentine
  • Parenthesis
  • Nothing's changed
  • Passion of the Christ

Tracklist

  1. Somebody's sins
  2. Nothing matters
  3. Valentine
  4. Bonnie & Clyde
  5. Parenthesis
  6. Nothing's changed
  7. If I only knew
  8. Is that your life
  9. Tribal drums
  10. We don't die
  11. Chinese interlude
  12. Does it
  13. I'm ready
  14. Hey love
  15. Passion of the Christ

Gesamtspielzeit: 42:16 min.

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2013-09-13 20:17:35 Uhr
01. Somebody’s Sins 8/10
02. Nothing Matters 7/10
03. Valentine 8/10
04. Bonnie & Clyde 7/10
05. Parenthesis 7/10
06. Nothing’s Changed 8/10
07. If Only I Knew 8/10
08. Is that Your Life 8/10
09. Tribal Drums 8/10
10. We Don’t Die 6/10
11. Chinese Interlude 6/10
12. Does It 9/10
13. I’m Ready 8/10
14. Hey Love 7/10
15. Passion of the Christ 7/10
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