Rudimental - Home

Rudimental- Home

Asylum / Warner
VÖ: 26.04.2013

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Dreck reinigt den Magen

In der Rubrik "Aussterbende Wörter wiederbelebt" heute: "rudimentär". Steht nicht nur für "unvollkommen" oder "unzureichend", sondern bezeichnet in der Fachsprache der Biologie auch etwas, das im Laufe der Evolution verkümmert ist. Eine Eigenschaft, die auf Drum-'n'-Bass- und Dubstep-Produktionen, die es in der letzten Zeit in Popradio und Teenie-Disco geschafft haben, leider mehrheitlich zuzutreffen scheint. Dass jene musikalische Evolution auch anders verlaufen und Interessanteres hervorbringen kann, zeigen immer wieder Einzeltäter, die aber nur selten größeres Interesse auf sich ziehen. Es ist halt auch vertrackt: Als Mainstream-Act bezeichnet zu werden, ist so ziemlich das uncoolste, was Dir im Moment passieren kann. Zu vieles im Konsens-Olymp ist dermaßen plump auf Massentauglichkeit getrimmt, dass dieser Klub jegliche Attraktivität verliert, sobald die kreativen Ansprüche größer als die finanziellen werden. Kaum jemand wagt den Spagat zwischen planmäßigem Chart-Appeal und ernsthaft künstlerischer Verwirklichung.

Und dann funktioniert das plötzlich. Die vier Londoner Spaßvögel von Rudimental pfeifen auf die biologische Bedeutung ihres Projektnamens und landeten noch vor Veröffentlichung ihres Debütalbums zwei Nummer-eins-Singles im UK und fünfmal australisches Platin. Überraschung? Nein. "Home" klingt von vorne bis hinten so charttauglich wie makellos produzierter Drum 'n' Bass eben klingen kann. Trotzdem ist der hier alles andere als rein: Rudimental versetzen ihn mit ordentlich Liquid Funk, einer dezenten Note Dubstep und Garage und vor allem dem angenehmen Gefühl, dass die vier Musiker ihre Drumcomputer und Synthesizer nicht mit Gummihandschuhen angefasst haben. Das Album wird an keiner Stelle zu beliebig, gerät aber gleichzeitig nie verquer genug, um Nebenbei-Hörer und genrefremde Partygänger zu vergraulen. Musik für die Massen - ganz ohne Sympathie-Einbußen.

Los geht's im Titeltrack mit lässigem Schlagzeug, dicker Bassline und, wichtig, Streicher- und Orgelsounds, die für Griff in der digitalen Dampfwalze sorgen. Im folgenden "Feel the love" übernimmt ein Trompetensolo diesen Part - die Wirkung ist die gleiche: In Kombination mit der kratzigen Stimme von Gastsänger John Newman stellen Rudimental dem Hochglanz-Beat eine angenehme Ladung rotziger Soul-Jazz-Fusion entgegen, die sich nahtlos, aber bestimmt zwischen Drum und Bass pflanzt. An anderer Stelle fällt das Spiel mit Ruhe und Sturm auf oder schlicht der ständige Wechsel der Gesangsstimmen - "Home" will und schafft wesentlich mehr als der Stempel "Drum 'n' Bass" vermuten lässt. Natürlich lassen es sich Rudimental nicht nehmen, auch mal stumpf über die Tanzfläche zu donnern, aber schon die teilweise homöopathischen Mengen Salz in der Suppe geben dem Album so etwas wie Seele. Da dürfen es zwischendrin auch mal freche Rap-Parts ("Hell could freeze") oder eine waschechte House-Nummer ("Spoons") sein. Und die in der Popwelt ohnehin gerade omnipräsente Emeli Sandé gibt sich gleich zweimal die Ehre. Wer da zuhause ist, wo Rudimental ihr Unwesen treiben, kann sich fast erst mal ein bisschen verloren vorkommen. Zumindest eines ist aber sicher: Um Fernweh muss sich in diesem "Home" niemand Gedanken machen.

(Konrad Spremberg)

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Highlights

  • Feel the love (feat. John Newman)
  • Spoons (feat. Mnek & Syron)
  • Powerless (feat. Becky Hill)

Tracklist

  1. Home
  2. Feel the love (feat. John Newman)
  3. Right here (feat. Foxes)
  4. Hell could freeze (feat. Angel Haze)
  5. Spoons (feat. Mnek & Syron)
  6. Hide (feat. Sinead Harnett)
  7. Powerless (feat. Becky Hill)
  8. More than anything (feat. Emeli Sandé)
  9. Not giving in (feat. John Newman & Alex Clare)
  10. Baby (feat. Mnek & Sinead Harnett)
  11. Waiting all night (feat. Ella Eyre)
  12. Free (feat. Emeli Sandé)

Gesamtspielzeit: 56:21 min.

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