Daft Punk - Random access memories

Daft Punk- Random access memories

Columbia / Sony
VÖ: 17.05.2013

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

A bot of love

Giorgio Moroder ist ergraut. Der 73-Jährige trägt keinen Porno-Schnauzbart mehr. Es schiene im folgenden Auftritt auch weniger würdevoll. Mit bis oben zugeknöpftem Hemd sitzt Moroder vor schwarzem Hintergrund und eröffnet die Vorstellungsrunde der Gäste auf dem neuen Daft-Punk-Album. Er spricht von der Zusammenarbeit mit dem französischen Duo Guy-Manuel de Homem-Christo und Thomas Bangalter, in der beispielsweise bei den Aufnahmen drei Mikrofone aus jeweils einem anderen Jahrzehnt vor seiner Nase baumelten. Mit fortschreitender Dauer des Gesprächs berichtet Moroder mit angefeuchtet-leuchtenden Augen: "It's time to have something new / This is like a step forward." Der Mann, der da spricht, muss kein Lob verteilen, denn er hat elektronische Disco-Musik maßgeblich mitgeprägt. Aber er macht es trotzdem.

Im Stück "Giorgio by Moroder" erzählt der Südtiroler zu allerlei Nebengeräuschen aus seiner Karriere. Warum er in Autos übernachtet hat und vom Viervierteltakt, der dann auch prompt einsetzt, bis er sich nach ein paar Minuten nochmals vorstellt: "My name is Giovanni Giorgio, but everybody calls me Giorgio." Was folgt, ist eine musikalische Reise durch Moroder-typische Moog-Synthies, ein electrojazziges Interlude, reale Streicher, eine fluffige Bassline und Progressive-Rock. "Random access memories" mag Prog, mag Disco, Funk, Soul, immer noch House, weil ja auch Chicago-House aus der Disco-Bewegung entstand - und eben die alten Heroen. Jene, die Daft Punk schon immer auf dem Zettel hatten. Schon als ihr "Homework" vordergründig aus French- und Filter-House bestand, waren sie zumindest im Booklet gedanklich schon bei Chic, Hot Chocolate, Nile Rodgers und Paul Williams - partiell auch musikalisch, selbstredend.

Den größten Stempel hinterlässt Rasta-Gitarrist Nile Rodgers. Die Ultralässigkeit, mit der er allein im Opener "Give life back to music" sein Handgelenk über die Saiten schüttelt, gelänge anderen wohl nur ohne Knochen im selbigen. Seine Ex-Gruppe Chic hat den Disco-Samen weitreichend gesät, und man hört sofort, wenn Rodgers zur Gitarre greift. Gemeinsam mit Pharrell Williams bestreitet er gleich zwei Songs. Und es könnte kaum eine bessere Verbindung geben. Die Single "Get lucky" - schon jetzt Daft Punks größter Hit - groovt so lange, bis auch tiefblau erfrorene Zehen heißgetanzt sind und Blasen werfen. Wir sind eben "up all night to get lucky", um das mit Meeresrauschen belegte "Lose yourself to dance" genauso bejubeln zu können. Williams tönt auch hier wie ein Soul-Altmeister, und zu Handclaps spielt sich Rodgers einen Wolf an der Endlosschleife seines Riffs.

"Wird die neue Daft Punk wieder stilprägend?", fragte man sich im Vorfeld oft angesichts der beispiellosen Pre-Album-Werbekampagne, die die Franzosen starteten. Die Antwort ist jein und gleichzeitig kackegal. "Random access memories" lebt vom analogen Klang, davon, dass die Drums gespielt und nicht programmiert werden, vom Soul im discoiden Funk, vom beseelten Atem der 70er. Insofern sind Daft Punk mit ihrem Schritt zurück nach vorne höchstens Retrofuturisten. Das Leben von Todd Edwards, der an "Face to face" von Daft Punks "Discovery" beteiligt war und hier "Fragments of time" besingt, hat es bereits verändert. Er ist nach Los Angeles gezogen, an die Westküste. Als Nachwehe der Aufnahmen. Andere Musiker werden im Geiste folgen und sich in Zukunft auf "Random access memories" berufen. Möbelwagen hin, Gedächtnisinfiltrat her. Unter dem Strich ist das insofern wertlos, als dass Daft Punk einfach ein Riesenalbum gelungen ist - und zudem ihr organischstes.

Ob es wirklich Chilly Gonzales gebraucht hätte, um im Vocoder-lastigen "Within" das fehlende Piano-Bindeglied zwischen metronomischer Rhythmik und Windspiel zu geben, sei dahingestellt, aber es funktioniert prächtig. Selbst Julian Casablancas Auftritt als Roboter-Zögling wirkt stimmig auf einer Reise, die zusehends elektronischer wird und an deren Ende eine Schleifmaschine im Dauereinsatz "Contact" aufs Schafott verfrachtet. Und doch ist es mit Paul Williams wieder eine graue Eminenz, die umringt von starken Nummern wie "Motherboard" oder "Doin' it right" ein Highlight setzt. "Touch" klingt fast wie eine seiner Filmkompositionen: breite wie weiche Streicher, ein jugendlicher Chor und Uptempo-Cembalo-Piano lachen im Moog-Universum genauso über beide Backen wie eine quietschfidele Trompete, ehe ein radikaler Break das Bild zerschneidet und Williams mutterseelenallein am Piano zurückbleibt. Acht Jahre haben Daft Punk daran gearbeitet, Venen wie Dränagen zu den Organen der Roboter zu legen. Jetzt pumpt das Herz auf Französisch. Der Schrittmacher sagt merci.

(Stephan Müller)

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Highlights

  • Giorgio by Moroder (feat. Giorgio Moroder)
  • Touch (feat. Paul Williams)
  • Get lucky (feat. Pharrell Williams & Nile Rodgers)
  • Contact

Tracklist

  1. Give life back to music (feat. Nile Rodgers)
  2. The game of love
  3. Giorgio by Moroder (feat. Giorgio Moroder)
  4. Within (feat. Chilly Gonzales)
  5. Instant crush (feat. Julian Casablancas)
  6. Lose yourself to dance (feat. Pharrell Williams and Nile Rodgers)
  7. Touch (feat. Paul Williams)
  8. Get lucky (feat. Pharrell Williams & Nile Rodgers)
  9. Beyond
  10. Motherboard
  11. Fragments of time (feat. Todd Edwards)
  12. Doin' it right (feat. Panda Bear)
  13. Contact

Gesamtspielzeit: 74:24 min.

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User Beitrag
Bert
2019-03-05 20:28:40 Uhr
schon, aber ich hab grad mal durchgeguckt...sind ein paar Ausfälle dabei, aber wirklich viel großartiges wie Carole King, die alten Stevie Wonder, Paul Simon. R.E.M hats nicht bekommen, stattdessen Whitney Houston..naja

MopedTobias

Postings: 11262

Registriert seit 10.09.2013

2019-03-05 20:22:22 Uhr
Die Grammys werden auch nach Geschmack vergeben.
Bert
2019-03-05 20:11:44 Uhr
und ist ja noch nicht mal direkt eine Geschmackssache...hat das Album nicht ein paar Grammys bekommen...und womit, mit Recht.
Bert
2019-03-05 20:07:25 Uhr
Ich kann es als nicht verstehen, gute Alben legt man immer wieder auf. Sei es aus den 70ern, wo viel tolles gemacht wurde..oder dieses Album, das teilweise wie Seventies klingt.
Günni
2019-03-05 12:04:00 Uhr
Ja, ich find die auch immer noch stark. Besser als das stets so hochgelobte Discovery (das aber natürlich auch sehr gut ist).
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